Notgroschen: Darf er auch eine Nummer kleiner sein?

Der Notgroschen wird kontrovers diskutiert. Dabei stehen verschiedenste Fragen im Raum. Wie wichtig ist er? Welche Höhe soll er haben? Und wie viel Rendite kostet er mich? – um nur einige zu nennen.

Ich war bereits auf meinen Notgroschen angewiesen. Daher ist es Zeit, dass Thema zu reflektieren und die Frage zu klären, ob der Notgroschen auch eine Nummer kleiner ausfallen darf.

Darf der Notgroschen auch eine Nummer kleiner sein?

Was ist ein Notgroschen?

Der Notgroschen hat seinen Ursprung im 16. Jahrhundert. Julius, der Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, schrieb seinen Untertanen vor, einen Notgroschen zu besitzen. Eigens dafür führte er den sogenannten Lösetaler ein*¹. Der Lösetaler sollte seinem Volk dabei helfen, unvorhergesehene Notsituationen zu überstehen. Und genau dazu ist der Notgroschen auch heute noch da:

Der Notgroschen hilft dir, unvorhergesehene Ausgaben zu stemmen.

Unvorhergesehen Ausgaben stellen dabei nicht nur auf die kaputte Waschmaschine oder eine Autoreparatur ab. Denn das ein technisches Gerät kaputt geht, ist bei Kauf bereits klar – lediglich der Zeitpunkt ist unbekannt. Für derartige Ausgaben solltest du frühzeitig Rücklagen einplanen, entweder als Teil des Notgroschens oder als extra Finanzpuffer.

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, was wahrhaft unvorhersehbar ist:

  • Höhere Gewalt
  • Eine eigene Krankheit
  • Tod des Lebenspartners
  • Plötzliche Insolvenz des Arbeitgebers

Manchmal kommt auch alles zusammen. Ich habe Künstler in der >Finanzberatung, die durch die Pandemie völlige Unsicherheit über den Fortbestand ihrer gesamten Branche haben. Ein ausreichender Notgroschen entspannt in einer solchen Situation ungemein – und genau dafür ist er da.

Wo wird der Notpfennig verwahrt?

Wichtig ist, dass dein Notgroschen:

  1. Jederzeit verfügbar ist
  2. Und keinen Schwankungen unterliegt

Auf dem Tagesgeldkonto ist der Notgroschen gut aufgehoben. Schließlich wäre es ärgerlich, wenn du mitten in einem Börsencrash deine Aktien vorzeitig verkaufen müsstest.

Wie groß soll der Notfallpuffer sein?

An dieser Frage scheiden sich die Geister. Oft werden pauschal drei bis sechs Nettogehälter empfohlen. Von derartigen Empfehlungen solltest du Abstand nehmen – denn ein Punkt wird dabei häufig vergessen:

Deine Gesamtsituation entscheidet.

Klar ist: Hast du hohe Ausgaben, brauchst du eine große Reserve. Hast du niedrige Ausgaben, brauchst du eine kleine Reserve.

Neben deinen Ausgaben spielen vor allem drei Faktoren eine tragende Rolle:

  1. Berufliche Situation
  2. Familiäre Status
  3. Vorhandene Vermögenswerte

Ich als Selbständiger mit Kind und einer Frau die noch studiert, habe ein deutlich höheres Sicherheitsbedürfnis als ein lediger Beamter. Meine persönliche Wohlfühlzone ist erst erreicht, wenn ich Rücklagen aufgebaut habe, die ein Jahr lang meine Ausgaben decken.

Generell gilt:

  • Je sicherer deine Einkommensströme sind, desto kleiner kann der Notgroschen sein
  • Je mehr Menschen von dir finanziell abhängig sind, desto größer sollte er sein
  • Je mehr liquide Vermögenswerte du hast, desto kleiner darf der Notpfennig ausfallen

Übrigens: Auf unserer Themenseite >Sparen besprechen wir, wie du möglichst effizient Geld zur Seite legst.

Anstellungen sind nicht so sicher, wie sie scheinen

Oft erlebe ich es, dass sich Angestellte sehr sicher bezüglich ihrer Zahlungsströme fühlen. Das ist allerdings eine trügerische Sicherheit. Als Angestellter bist du im ersten Schritt von einem einzigen Unternehmen abhängig. Wenn dieses in die Insolvenz schlittert, stehst du im Regen.

Es ist daher sinnvoll, Maßnahmen zu ergreifen, um sich möglichst unabhängig von seinem Arbeitgeber zu machen. Zwei wichtige Schritte in diese Richtung sind dauerhaftes Lernen und ein solides finanzielles Fundament.

Gut zu wissen:

Das Arbeitslosengeld beträgt 60 Prozent bzw. 67 Prozent (mit Kind) des letzten Nettolohns.

Der Tag, an dem ich meinen Notgroschen gebraucht habe

2019 haben wir den Schritt gewagt und sind in eine größere Wohnung gezogen.  Sie war traumhaft. 100 Quadratmeter, 2 Balkone, schicke Einbauküche, perfekte Lage in einer Anliegerstraße und zentrumsnah. Sogar die Miete war unter dem Marktniveau. Was wir nicht wussten:

Die Wohnung war extrem hellhörig und im Büro unter uns wohnte ein ältere Dame, die „Kinderlärm“ nicht besonders lustig fand.

Als die Dame anfing sich zu beschweren, war meine Frau fix und fertig, da sie sich nicht mehr unbeschwert in der Wohnung bewegen konnte. Nach nur zwei Woche traten wir den geordneten Rückzug in unsere alte Wohnung an. Damit kamen zusätzliche Kosten von knapp 2.000 Euro auf uns zu, da wir unsere alte Küche entsorgt hatten und zügig eine neue beschaffen mussten.

An diesem Tage rettete uns unser Notgroschen vor einem Konsumkredit.

Unser Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, den Notgroschen auch für geplante Umzüge und ähnliches unangetastet zu lassen. Du weißt nie, was kommt. Hätten wir unseren Notgroschen beim ersten Umzug mit ausgegeben, wäre es für uns eng geworden.

Der Notgroschen ist kein Renditekiller

Ich habe in letzter Zeit Rechnungen gesehen, die zeigen, wie hoch die Kosten sind, die durch den Notpfennig entstehen. Die Rechnungen sahen in etwa so aus:

Ein 30-jähriger legt 5000 Euro in Aktien an. Über die nächsten 37 Jahr erwirtschaftet er eine Rendite von 8 Prozent. Danach stehen ihm gut 86.000 Euro zur Verfügung (Steuern habe ich nicht betrachtet).

Legt er 5000 Euro auf das Tagesgeldkonto zu einem Prozent an (und wo bekommt man heute noch einen Prozent?), stehen ihm nach 37 Jahren nur gut 7000 Euro zur Verfügung. Das sind fast 80.000 Euro weniger. Halleluja …

Ich finde die Rechnung legitim, aber nicht zielführend. Sie setzt voraus, dass du dein komplettes Vermögen in Aktien investierst. Diese Annahme ist in der Regel realitätsfern. Zudem gibt ein großzügig ausgelegter Notgroschen Sicherheit und führt dazu, dass du bei der Kapitalanlage etwas mehr Risiko eingehen kannst.

Der Notgroschen ist kein Renditekiller. Vielmehr ist er die Voraussetzung dafür, dass wir mit gutem Gewissen an den Kapitalmärkten Risiken eingehen können.

Wie der Notgroschen deine Versicherungsbeiträge reduziert

Ein positiver Nebeneffekt des Notgroschens ist, dass er es dir ermöglicht, bei Versicherungen mit Selbstbehalten zu arbeiten. Dadurch sinken deine Versicherungsbeiträge. Kleinere Schäden zahlst du in Zukunft einfach aus eigener Tasche.

Ohnehin solltest du Versicherungen nur für mittlere bis größere Schäden nutzen. Reichst du jede noch so kleine Rechnung ein, wird dir der Versicherer irgendwann kündigen und du stehst ohne Versicherungsschutz da. Einen neuen Versicherer wirst du kaum finden, da die Schadenhistorie im Antragsprozess abgefragt wird …

Dann stehst du im Ernstfall ohne existentielle Versicherungen wie der Privathaftpflichtversicherung da – das wäre mehr als ärgerlich.

Schau dir zu dem Thema gern unseren Beitrag >Warum du nur existenzbedrohende Risiken versichern solltest an.

Fazit

Der Notgroschen ist deine Versicherung gegen unvorhergesehene Ausgaben. Die richtige Höhe hängt von deiner persönlichen Situation ab. Beginnst du gerade mit dem Vermögensaufbau, ist der Notgroschen das erste Ziel. Erst wenn du deinen Notgroschen zusammen hast, macht es Sinn, dass du dich nach renditeträchtigen Anlagen umschaust.

Hast du bereits nennenswerte liquide Vermögenswerte, darf der Notgroschen gerne eine Nummer kleiner sein. Größeren finanziellen Risiken kannst du dann mit deinem risikoarmen Portfolioanteil entgegentreten.

Es verhält sich wie bei jeder Finanzentscheidung:

Betrachte immer deine Gesamtsituation.

Dein Finanzkoch
Christoph Geiler

Quellen

1*https://de.wikipedia.org/wiki/Notgroschen – Zugriff am 30.12.2020 um 08:27 Uhr

Portrait vom Autor dieses Artikels
Über Christoph Geiler

Als Finanzberater bin ich auf die Themen Finanzplanung, Geldanlage und Altersvorsorge spezialisiert. Als Finanzkoch bin ich konzeptionell tätig und erstelle Inhalte. In meiner Freizeit schwinge ich den Kochlöffel, treibe Sport und spiele mit meinem Sohn.