Die 10 größten Nachteile der Selbständigkeit

Seit September 2016 bin ich in Vollzeit selbständig. Unsicherheit prägte die ersten beiden Jahre. Immer wieder habe ich daran gezweifelt, dass ich finanziell hinkomme. Von meinen Einnahmen mussten meine Frau, ich und unser Kind, welches zu eben jener Zeit auf die Welt kam, leben. Emotional war das eine Bürde, die dazu führte, dass ich einige Male auf unseren kalten Küchenfliesen saß und mich sammeln musste.

In diesem Beitrag geht es um die Nachteile der Selbständigkeit.

Nachteile Selbständigkeit: Mann trägt braune Aktientasche

Gefahr zu scheitern

Die Gefahr zu scheitern, ist gerade in der Anfangszeit ein ständiger Begleiter. Sage und schreibe 9.068 Euro Gewinn hatte ich im ersten vollen Geschäftsjahr. Wie wir damit über die Runden gekommen sind, ist mir heute ein Rätsel. Drei Jahre dauerte es, bis ich mir sicher sein konnte, dass mein Geschäftsmodell tragfähig ist – und das obwohl ich bereits vor meinem Schritt in die Vollzeit-Selbständigkeit >wichtige Grundlagen geschaffen hatte.

Bis du in finanziell ruhigen Gewässern bist, kann es dauern. Dass du sie überhaupt erreichst, ist unsicher. Im schlimmsten Fall droht die Privatinsolvenz – gerade wenn du mit Fremdkapital arbeitest. Über Haftungsrisiken, die sich aus deiner Geschäftstätigkeit ergeben, haben wir da noch gar nicht gesprochen.

Selbst wenn du merkst, dass du irgendwie hinkommst:

Mit der Chance auf ein überdurchschnittliches Einkommen geht die Gefahr auf ein unterdurchschnittliches Einkommen Hand in Hand.

2014 stellte die >WELT fest:

Ein Viertel aller Selbständigen verdient weniger als Mindestlohn.

Sich eingestehen, dass die eigene Unternehmung besser wieder beendet werden sollte? Das ist nicht nur emotional eine Herausforderung. Auch finanziell stehst du oft wieder bei Null. Wenn du in eine Anstellung wechselst, musst du im besten Fall einige Jahre aufholen, die dir für deine Rentenansprüche und den Vermögensaufbau fehlen. Im schlimmsten Fall darfst du noch Schulden aus der Selbständigkeit zurückzahlen.

Unverständnis im Umfeld

Mein komplettes Umfeld war damals angestellt. Folgerichtig war das Verständnis für meine Selbständigkeit überschaubar. Meine Mutter hat mich regelmäßig gefragt, wann ich etwas Richtiges machen möchte 😉 Böse war das nicht gemeint – aber ich habe gespürt, dass sie sich für ihren Sohn mehr Sicherheit wünschte.

Glücklicherweise hat meine Frau meine Selbständigkeit von Anfang an mitgetragen. Das war entscheidend. Zudem konnte ich mich bereits damals mit Kollegen austauschen, die deutlich mehr Erfahrung hatten.

Wenn du in deinem Umfeld niemanden hast, der ein offenes Ohr für dich hat, dann such dir jemanden. Allein hätte ich auf verlorenem Posten gestanden.

Ständige Eigenmotivation notwendig

Oft wird die Freiheit der Selbständigkeit angepriesen.

Endlich der eigene Chef sein!

Was schön klingt, wird schnell zur Belastung. Tag für Tag musst du dich selbst motivieren. Niemand sagt dir, was du zu tun hast. Bei 30 Grad im Schatten arbeiten oder mit deinem Sohn an den See gehen? Du hast die Wahl – Tag für Tag. Fällt die Entscheidung zu oft gegen die Arbeit, bleibt der berufliche Erfolg auf der Strecke.

Deswegen bin ich kein Freund davon, für den Fall des Scheiterns Plan A und Plan B prominent in der Schublade zu haben. Keine Alternative zu haben, hat mir einen unfassbaren Schub gegeben. Aber da ist jeder anders. Schließlich kann Druck auch lähmen.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich das erste Mal eine potentielle Kundin angerufen habe. Zu dieser Zeit war es für mich eine Horror-Vorstellung, einen fremden Menschen anzurufen und ihm etwas zu „verkaufen“ (dabei hatte sie mich via Mail angefragt). Ich sitze also vor dem Telefonhörer und mein Herz wummert. Aber was sollte ich machen? In dem Moment habe ich an meinen Sohn gedacht und das ich für ihn verantwortlich bin. Ein paar Sekunden später hatte ich den Hörer in der Hand und habe die Nummer gewählt. Das Ergebnis war meine erste Mandantin. Noch heute arbeiten wir zusammen.

Löchriges soziales Netz

Ich habe keinen Arbeitergeber, der mir im Krankheitsfall den Lohn auszahlt und keinen Kollegen, der mich eins zu eins ersetzen kann.

Zu Beginn wäre eine längere Krankheit ein finanzielles Desaster gewesen. Einmal hatte ich eine Lebensmittelvergiftung. 24 Stunden lang hat sich mein Inneres nach außen gestülpt. Trotzdem habe ich mich ins Büro geschleppt und mein Erstgespräch durchgezogen. Schlicht und einfach weil ich den Auftrag brauchte. Wäre ich angestellt gewesen, hätte ich mich für mindestens zwei Tage krank gemeldet.

Durststrecken

Selbst nach 5 Jahren habe ich noch bessere und schlechtere Monate. Für das Gesamtjahr 2020 hatte ich im Zuge von Corona sogar einen >Umsatzrückgang.

Durststrecken kennen viele Selbständige. Mit ihnen umgehen? Eine Herausforderung. Denn letztlich bist du für deinen Geschäftserfolg zuständig. Wenn er ausbleibt, ist das ein persönlicher Rückschlag, der sich bis in das Private ziehen kann. Früher war ich zu Hause schlecht drauf, wenn es bescheiden lief. Darunter gelitten haben in diesen Momenten meine Frau und mein Kind.

Noch heute fällt es mir schwer, zu Hause von der Arbeit abzuschalten.

Rückschläge

Selbständigkeit ist ein Auf und Ab. Rückschläge gehören unweigerlich dazu. Die Finanzierungsabsage der Sparkasse für meinen Gründungskredit habe ich eingerahmt auf meinem Schreibtisch stehen.

Die Finanzierungsabsage der Sparkasse steht eingerahmt auf meinem Schreibtisch.

Ablehnung der Finanzierungsanfrage für meine Existenzgründung

Ich habe quasi von einer übergeordneten Instanz bescheinigt bekommen, dass mein Geschäftskonzept nicht umsetzbar ist. Den Gegenbeweis musste ich ohne Startkapital antreten. Dabei ist das nur einer von vielen Rückschlägen, die ich hinnehmen musste.

  • Aufträge, die nicht zustande kommen
  • Geschäftsentscheidungen, die sich nicht wie gewünscht auswirken

Mit solchen Dingen, bist du als Selbständiger Tag für Tag konfrontiert.

Die Arbeit schleicht sich in die Freizeit

Beim Einschlafen denke ich an die Arbeit.

Beim Duschen denke ich an die Arbeit.

Beim Aufwachen denke ich? An die Arbeit.

Meine Selbständigkeit begleitet mich in meiner Freizeit. Das betrifft vor allem ruhige Momente, in denen ich Zeit zum Nachdenken habe. In Maßen ist das nicht schlimm, da meine Arbeit teilweise Hobby ist. Doch wenn es zu viel wird, hat das negativen Einfluss auf meine Lebensqualität. Ich kann schöne Momente weniger genießen und mich schlechter erholen. Stück für Stück versuche ich daher Arbeit und Freizeit gedanklich zu trennen. Auch wenn mir das immer besser gelingt, ist das ein Prozess der stetig andauert.

Urlaub machen? Eine Herausforderung.

Urlaube führen zu extremen Verdichtungen im Kalender. Die Termine und Aufgaben, die in die Urlaubszeit fallen würden, erledige ich geballt vor oder nach der Auszeit, was zu Belastungsspitzen führt.

Man könnte fast sagen, dass ich den Urlaub nur brauche, um mich von der Urlaubsvorbereitung zu erholen und um Kraft für die Nachbereitung zu tanken.

Niemand klatscht Applaus

Wir Menschen sind soziale Wesen. Das Feedback und die Anerkennung anderer ist für uns ein wichtiger Wohlfühlfaktor. Als Selbständiger kommt das häufig zu kurz. Es gibt keine Beförderungen, mit denen du in der Familie und vor Kollegen brillieren kannst.

Wenn überhaupt, werde ich ab und zu gefragt: Wie läuft’s?

Meine Antwort ist dann: Gut

Damit ist das Thema auch schon beendet. Meine Bestätigung ziehe ich daher aus dem Feedback meiner Mandanten, was für mich glücklicherweise ausreichend ist.

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Mädchen für alles

Ich mache meine Arbeit gern. Das geht soweit, dass meine Frau meine Arbeitszeit gedanklich ab und zu unter Freizeit einbucht (was auf beiden Seiten immer mal wieder zu Frust führt). Dabei gibt es einige Tätigkeiten, auf die ich gerne verzichten würde. Dinge wie Protokollierung, die Einhaltung rechtlicher Rahmenbedingungen, Angebotserstellung, Podcasts schneiden und Steuer verorte ich nicht gerade unter meinen großen Leidenschaften und trotzdem erledige ich sie.

Zwar gebe ich Stück für Stück Arbeiten ab, aber dafür kommen neue hinzu. Mit Mitarbeitern stellen sich beispielsweise ganz neue administrative und emotionale Herausforderungen.

Resümee: Nachteile der Selbständigkeit richtig händeln

Alle Punkte zusammen sind eine enorme Herausforderung. Vor allem zu Beginn der Selbständigkeit gilt es mit Ungewissheit und vielleicht auch mit Existenzängsten umzugehen. Dass meine Selbständigkeit funktionieren musste, damit wir als Familie unser Leben bestreiten konnten, hat mich alles andere als kalt gelassen.

Nach 5 Jahren Vollzeit-Selbständigkeit kann ich aber festhalten, dass sich die meisten Nachteile der Selbständigkeit händeln lassen.

  • Mädchen für alles? Fang an zu delegieren.
  • Niemand in deinem Umfeld klatscht Applaus? Zieh Bestätigung aus deiner Arbeit und dem Feedback deiner Kunden – oder noch besser: Dein Ego braucht keine Bestätigung.
  • Die Arbeit schleicht sich in deine Freizeit? Arbeite an deinem „Mindset“.
  • Urlaub machen ist schwierig? Stelle Mitarbeiter ein.
  • Rückschläge? Lerne daraus.
  • Durststrecken? Arbeite daran, dass deine Geldflüsse stabiler werden.
  • Löchriges soziales Netz? Bilde Rücklagen.
  • Eigenmotivation? Lege dir Routinen zu.
  • Unverständnis im Umfeld? Nicht jeder muss gut finden, was du tust.
  • Gefahr zu scheitern? Das macht das Leben spannend 😉

Klar ist der Umgang mit diesen Schattenseiten ein Lernprozess, der niemals endet. Aber wenn du bereit bist, diesen Prozess zu vollziehen, können die Vorteile der Selbständigkeit überwiegen – und das tun sie in meinem Fall. Ich liebe meine Unternehmung und welche Freiheiten sie mir gibt.

Dein Finanzkoch
Christoph Geiler

Portrait vom Autor dieses Artikels
Über Christoph Geiler

Als Finanzberater bin ich auf die Themen Finanzplanung, Geldanlage und Altersvorsorge spezialisiert. Als Finanzkoch bin ich konzeptionell tätig und erstelle Inhalte. In meiner Freizeit schwinge ich den Kochlöffel, treibe Sport und spiele mit meinem Sohn.