F.I.R.E. | Warum ich mit der Bewegung wenig anfangen kann

Die FIRE Bewegung steht für „Financial Independence, Retire Early“. In den letzten Jahren ist sie aus den USA zu uns herübergeschwappt. Drei Punkte bilden die Basis des Konzepts:

  1. Frugalismus
  2. Kluges Investieren
  3. Frühzeitiger Ruhestand

Durch ein minimalistisches Leben sinken die Ausgaben auf ein Minimum. In Kombination mit der Erhöhung deiner Einnahmen, entsteht ein ansehnlicher Überschuss.

Um den von der FIRE Bewegung proklamierten frühen Ruhestand zu erreichen, solltest du eine Sparquote von 50 Prozent und mehr haben.

Investierst du die Überschüsse schlau, kannst du in weniger als 20 Jahren mit dem Malochen aufhören. So ist zumindest die graue Theorie.

In diesem Beitrag gehe ich darauf ein, warum die FIRE Bewegung nichts für mich ist und was ich mir trotzdem daraus mitnehme.

FIRE: Mit der frühen Ruhestandsbewegung kann ich wenig anfangen

Ich liebe mein Leben

FIRE ist für mich verknüpft mit einer „Weg-von-Motivation“ – weg vom schnöden Berufsalltag. Für mich ist das ein schwacher Anreiz. Ich liebe mein Leben, so wie es heute ausgestaltet ist.

  • Mein Sohn bringt mich jeden Tag zum Lächeln
  • Meine Frau fordert mich und gibt mir so viel zurück
  • In meine Arbeit kann mich meine Fähigkeiten ganz und gar einbringen

Auf die Idee, einen der drei Punkte aus der Gleichung zu entfernen, komme ich nicht.

Meine Frau und mein Sohn würden >FIRE genau genommen im Weg stehen. Ein Weg der darauf abzielt, die Erwerbstätigkeit überflüssig zu machen, der ich so gern nachgehe.

Frau & Kind senken die Sparquote

Jeder weiß: Kinder kosten Geld.

Und wer Kinder hat, der spürt es auch: Jeden Tag fließt Geld aus der Hosentasche heraus.

Bei uns kommt erschwerend hinzu, dass wir seit Jahren nur ein Einkommen in der Familie haben. Für einen frühen Ruhestand ist das denkbar ungünstig.

Meine Frau und ich haben uns bewusst für ein Lebensmodell entschieden, in dem ich zunächst Alleinverdiener bin. Dadurch konnten wir unseren Sohn lange zu Hause betreuen. Erst mit >3,5 Jahren ist er in den Kindergarten gekommen.

Ökonomisch ist so eine lange Phase der „Zuhause-Betreuung“ selbstredend ein Desaster. Aber nicht alle Entscheidungen müssen sich an der finanziellen >Nutzen-Maximierung messen lassen. Im Anschluss an ihr erstes Bachelor Studium hat sich meine Frau für einen zweiten Bachelor Studiengang entschieden – ganz einfach weil das ihren Interessen entspricht.

Unser Deal ist: Jeder macht das, worauf er am meisten Lust hat.

Während meine Frau ihr zweites Studium begonnen hat, habe ich mich >selbständig gemacht. Im „Handbuch Homo oeconomicus“ wird zu so einem Weg wohl eher nicht geraten.

Das „Heute“ hat für mich Priorität

Wie lange unsere Reise namens Leben geht, weiß niemand. Sie ist einmalig und kann jederzeit zu Ende sein.

Bei allem was ich tue, frage ich mich: Bin ich damit heute glücklich?

Wenn ich ein „höheres“ Ziel verfolge, möchte ich mit dem Weg dahin im Reinen sein und nicht erst am Endpunkt. Wie würde ich mein Leben ansonsten bewerten, wenn es vor der Zielerreichung endet oder mich die Zielerreichung gegen jede Erwartung unzufrieden macht?

Ich gebe gerne Geld aus

Mit Frugalismus, der essentieller Bestandteil der FIRE Bewegung ist, kann ich mich teilweise identifizieren.

Dass ich versuche, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was mich wirklich glücklich macht, habe ich mit Frugalismus gemein. Dass ich gerne Geld ausgebe, steht eher im Widerspruch dazu.

Ich liebe es, mit meinen Sohn in die Stadt zu gehen. Das ich ihm dort Bücher, Tonies (Figuren, die Geschichten erzählen) und Süßes kaufe, gehört dazu. Was ich dafür ausgebe, ist mir nahezu egal. Was zählt ist, dass wir einen tollen Tag haben und wir zu Hause in neue Geschichten eintauchen können.

Auch für mich selbst gebe ich gerne Geld aus. Ab und zu werde ich schwach bei hochwertiger Technik und in meiner Küche habe ich Messer, die dreistellige Beträge kosten. Dafür bereiten mir die Messer jeden Tag Freude und der Gedanke, dass sie über Generationen genutzt werden, gefällt mir.

Von mir aus arbeite ich bis zum Umfallen

Jede Ausgabe bedeutet, dass ich länger arbeiten muss. Na und? Ich arbeite gern und kann mir vorstellen, über den „offiziellen“ Ruhestand hinaus zu arbeiten.

Wenn dein Beruf zur Last wird und du daran etwas ändern möchtest, ist FIRE sicher nicht die Lösung. Selbst wenn du es schaffst, die „finanzielle Freiheit“ in weniger als 20 Jahren zu erreichen, ist das eine Ewigkeit. Sinnvoller ist es, alternative Berufswege einzuschlagen, die dich glücklicher machen.

Dabei muss die Erwerbstätigkeit gar nicht die große Erfüllung bringen. Den Beruf zur „Berufung“ zu machen, ist ein gesellschaftliches Ideal, dem du nicht gerecht werden musst. Wenn andere Bereiche des Lebens für Zufriedenheit sorgen, kann das völlig ausreichend sein.

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Was mir an der FIRE Bewegung gefällt

Obwohl ich mich mit FIRE nicht identifizieren kann, finde ich mich in einigen Kernpunkten wie Minimalismus und Vermögensaufbau durchaus wieder.

I. Minimalismus

Minimalismus übt Charme auf mich aus. Aber nicht in dem Sinne, dass ich dadurch mehr Sparen kann, um früher in den Ruhestand zu gehen. Wie bereits weiter oben angedeutet, steht für mich die Frage im Zentrum:

Was macht mich glücklich?

Für uns war das zum Beispiel die Zuhause-Betreuung unseres Sohnes. Um uns das leisten zu können, haben wir in diesem Lebensabschnitt ein minimalistisches Leben in Kauf genommen. Jeden Euro musste wir umdrehen, damit wir über die Runden kommen. Glücklich waren wir trotzdem.

II. Vermögensaufbau

Neben dem minimalistischen Ansatz, spricht mich die Idee des nachhaltigen Vermögensaufbaus an. Nur ist meine Motivation auch hier eine andere.

  1. Vermögen macht mich robuster gegenüber Schicksalsschlägen
  2. Kluges Investieren eröffnet weitere Einkommensströme. Das zu tun, ist für mich schlicht rational
  3. Vermögen kann gezielt eingesetzt werden, um Gutes zu bewirken und um Chancen zu ergreifen

Zudem merke ich, wie viel Sicherheit es mir gibt, nicht auf jeden Auftrag angewiesen zu sein. Und da gehe ich mit FIRE wieder schwanger:

Zwar liebe ich meine Arbeit, aber was weiß ich, wie es mir in 20 Jahren damit geht …

Vielleicht will ich dann nochmal was völlig anderes machen? Wenn dem so ist, will ich nicht von finanziellen Zwängen davon abgehalten werden, neue Wege einzuschlagen. Auf den Punkt gebracht hat das Dummerchen in seinem Gastbeitrag >Und Geld macht doch glücklich!?! Wenn auch anders als Du denkst…

Resümee: Das Kernproblem der „FIRE movement“

Für mich kristallisiert sich ein Kernkonflikt der FIRE Bewegung heraus.

Um der Arbeit zu entkommen, liegt für mindestens eine Dekade genau auf dieser ein primärer Fokus.

Der Bock wird zum Gärtner gemacht.

Zudem setzt die Ausgaben-Budgetierung enge Grenzen, die für mich mit erheblichen Einschränkungen verbunden wären. Das würde auch dann nicht enden, wenn der anvisierte frühe Ruhestand erreicht ist. Denn um diesen möglich zu machen, ist auch die Ruhestandsphase mit engen Budgetgrenzen verbunden. Werden diese nicht beachtet, stehen die Chancen gut, dass am Ende des Geldes noch Leben übrig ist. Zu meiner Definition von finanzieller Unabhängigkeit will das nicht so recht passen.

Statt für FIRE („Financial Independence, Retire Early“) brenne ich daher für ein nachhaltiges, gesundes und glückliches Leben, das nach den eigenen Vorstellungen gestaltet wird. Ein solides finanzielles Fundament ist in unserem kapitalistischen System dafür eine wichtige Grundlage. Denn:

Geld kann dir Türen öffnen, die ansonsten verschlossen bleiben.

Die Betonung liegt auf kann. Denn meiner Erfahrung nach, bleiben die meisten Türen nur verschlossen, weil wir denken, dass sie verschlossen sind. Wir glauben, dass wir erst Summe X sparen müssen, um unseren ungeliebten Job zu kündigen oder auf Reisen zu gehen oder sei es nur, um eine „tolle“ Hochzeit feiern zu können.

Kein Geld zu haben, ist die ideale Ausrede, um Veränderungen aufzuschieben. Und mit dieser These zu FIRE komme ich zum Ende:

Derartige Einschränkungen auf sich zu nehmen, um in 10 bis 20 Jahren den Job kündigen zu können, klingt für mich nach einer Ausrede, es heute nicht tun zu müssen.

Was denkst du?

Dein Finanzkoch
Christoph Geiler

Portrait vom Autor dieses Artikels
Über Christoph Geiler

Als Finanzberater bin ich auf die Themen Finanzplanung, Geldanlage und Altersvorsorge spezialisiert. Als Finanzkoch bin ich konzeptionell tätig und erstelle Inhalte. In meiner Freizeit schwinge ich den Kochlöffel, treibe Sport und spiele mit meinem Sohn.