Fundamentale Fehlentwicklung – Der Markt ist vom Mittel zum Zweck geworden

Nie zuvor haben wir unser Handeln in einem solchen Maß einer einzigen Gottheit verschrieben. Wer dachte, dass die Ägypter, Römer und Germanen religiöse Fanatiker waren, wird in diesen Tagen eines Besseren belehrt. Unser gesamtes Leben unterstellen wir dem göttlichen Richterstuhl der Ökonomie.

Der Homo oeconomicus ist nicht länger ein wissenschaftliches Konstrukt. Er ist Leitbild für eine ganze Generation.

Das lässt sich in allen Lebensbereichen beobachten. War die Familie früher noch ein Rückzugspunkt und ein Ort der Wärme, untersteht sie heute dem ökonomischen Dogma. Ein Kind zu zeugen ist nicht länger eine emotionale Entscheidung. Es ist eine Entscheidung für oder gegen die Karriere. Die viel beschworene Vereinbarkeit von Beruf und Familie gibt es nicht. Wer seine Karriere vorantreibt, wird zwangsläufig weniger Zeit mit seinem Kind verbringen. An zwei Orten gleichzeitig zu sein, ist eine Fähigkeit, die wir nicht besitzen.

Es ist kaum verwunderlich, dass in einer Gesellschaft, in der der eigene Status vornehmlich über materielle Werte und beruflichen Erfolg definiert wird, Kinder eine Rarität geworden sind. Bedeuten sie doch oft einen beruflichen und finanziellen Rückschritt.

Meine persönlichen Erfahrungen in dieser Hinsicht sind paradox. Gerade jene, die materiell nicht auf Rosen gebettet sind, stürzen sich voller Freude in das Abenteuer Nachwuchs. Die überwiegende Mehrheit der besser Situierten schiebt die Familienplanung nach hinten. Sie haben Angst, dass sie einem Kind nichts bieten können. Was, wenn das Geld nicht reicht? Was, wenn neben dem Studium die Zeit nicht reicht? Also erst Studium beenden und ein paar Jahre arbeiten. Dann bleibt immer noch genug Zeit um über Kinder nachzudenken …

Aber ist es wirklich die Angst, dem Kind nichts bieten zu können? Interessiert es ein Baby, ob es Sneaker trägt? Braucht ein 18-Jähriger ein Auto zum Geburtstag? Eher nicht. Vielmehr braucht ein Kind Zeit und Zuneigung. Gerade die Zeit ist es, die die besser Situierten nicht haben. Wer weniger Zeit in die Karriere investiert, wird weniger beruflichen Erfolg haben. In unserer Gesellschaft bedeutet das sozialen Abstieg. Oder willst du mitleidig von einem kinderlosen porschefahrenden Pärchen belächelt werden, wenn du Kindersitze in deinen alten Dacia wuchtest …

Das Modell „DINK“ (double income no kids) verspricht Erfolg und deshalb hat es seinen Siegeszug angetreten.

Für viele geht es noch eine Spur schärfer. Wozu sollen wir uns auf einen Partner festlegen? Nach der Arbeit haben wir für tiefgründige Gespräche sowieso keine Nerven mehr. Der Markt verlangt Flexibilität. Die geben wir ihm. Das nächste Jobangebot kann hunderte Kilometer entfernt sein. Darauf verzichten, weil wir emotional an einem Ort verankert sind? Pustekuchen. Wozu gibt es Tinder? Mit der App ist der nächste Sexualkontakt nur einen Knopfdruck entfernt.

Auch in einem anderen Bereich nimmt die Stärke unserer sozialen Bindungen ab. Heute haben wir hunderte Freunde. Facebook sei Dank. Viele von ihnen kennen wir noch nicht einmal persönlich. Das Gute daran ist, dass wir unsere Freunde bei einem beruflichen Standortwechsel einfach mitnehmen können. Mehr Flexibilität geht nicht. Die Schattenseiten begegnen uns, wenn wir den Umzugswagen allein ausräumen müssen …

Jede Entwicklung hat ihren Preis. Der Preis der sozialen Flexibilität ist der Verlust von Bindung und emotionaler Wärme.

Wie soll man emotionale Nähe aufbauen, wenn sich selbst Freundschaften vermehrt vor dem ökonomischen Richterstuhl behaupten müssen? Ich weiß wovon ich rede. In meiner Zeit im Strukturvertrieb wurde es auf die Spitze getrieben. Das Stichwort der heutigen Zeit ist „Netzwerken“. Wer bringt mich beruflich voran? Mit dem gehe ich eine soziale Bindung ein … Ob ich ihn mag oder nicht, ist zunächst zweitrangig.

Echte Freundschaften sind ein seltenes Privileg geworden. Sie zu wahren, ist wichtiger denn je.

Wie ist es so weit gekommen? War die Marktwirtschaft nicht dafür gedacht, unser Leben zu verbessern und zu bereichern?

Derartige Veränderungen ergeben sich nicht über Nacht. Die Schuldigen sind wir. Wenn wir unseren Kindern täglich einschärfen, wie schwer es wird, sich durchzusetzen, dann brauchen wir uns nicht zu wundern.

Kinder, die heute unsere Bildungs-Fabriken verlassen, haben gelernt, dass:

  • Sie nichts geschenkt bekommen
  • Kommilitonen und Kollegen Konkurrenten sind
  • Andere ihnen etwas wegnehmen wollen
  • Sie es allein schaffen müssen
  • Dafür unbedingt besser sein müssen, als alle anderen

Wir haben die Ellenbogen-Gesellschaft geschaffen, in der wir leben. Und sie huldigt einem Gott, dem Homo oeconomicus.

Das Ziel ist es nicht mehr, eine Wirtschaft zu schaffen, die dem Leben dient, sondern ein Leben zu führen, dass der Wirtschaft dient.

Vor kurzem habe ich einen wunderbaren Vergleich aufgeschnappt. Ich weiß leider nicht mehr wo.

„Es gibt zwei Wege, das höchste Haus einer Stadt zu bauen. Entweder du baust das höchste Haus oder du reißt alle anderen Häuser ab.“

Wir bringen unseren Kindern bei, alle Häuser abzureißen. Ich finde das katastrophal. Mich wundert es nicht, wenn in ganz Europa die Angst vor Flüchtlingen umgeht. In einer Gesellschaft, in der jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, wird das Fremde zwangsläufig als Bedrohung wahrgenommen. Jeder Flüchtling ist ein Konkurrent mehr um den nächsten freien Arbeitsplatz.

Das Fremde und Unbekannte als Bereicherung unseres Lebens? Für viele unvorstellbar.

Wenn die gesellschaftliche „Elite“ aus Politik und Wirtschaft sich in diesen Tagen demonstrativ vor die Flüchtlinge stellt, gibt sie sich der Lächerlichkeit preis. Über Jahrzehnte hat sie dieses System mitgestaltet. Jetzt wundert sie sich, wie wenig weltoffene Bürger aus diesem hervorgehen. Für mich ist das schizophren.

Wer Kindergärten, Schulen und Universitäten zu Ausbildungs-Fabriken umformt, muss sich nicht wundern, wenn daraus ängstliche Menschen hervorgehen. Doch ich will mich nicht zu laut beschweren. Schließlich bekommt jedes Volk die Regierung, die es verdient.

Fazit

Der Markt ist vom Mittel zum Zweck geworden. Unsere Kinder formen wir in Ausbildungs-Fabriken zu Arbeiterbienen, denen die eigene Karriere wichtiger ist, als soziale Bindungen. Dabei schaffen wir eine allumfassende Ellenbogen-Gesellschafft.

Es ist an der Zeit uns zu fragen ob wir unsere Kinder weiter nach dem Motto:

Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht

erziehen. Oder ob wir es wie die Musketiere halten wollen und unseren Kindern Folgendes mit auf den Weg geben:

Einer für alle und alle für einen.

Letzteres erfordert Mut. Jeder Einzelne muss sich dafür ein Stück zurücknehmen und anderen Menschen Raum zur Entfaltung geben.

Wir müssen unseren Kindern wieder Fähigkeiten vermitteln, die nicht auf den ersten Blick wirtschaftsdienlich sind. Kunst, Musik und Geschichte müssen wieder mehr Platz in unserer Bildung einnehmen. Es handelt sich dabei nicht um sinnloses Wissen. Es fördert einen kreativen und kritischen Geist und vor allem verbindet es Menschen, die kulturell voneinander getrennt sind.

Wenn wir unsere Ellenbogen einfahren, bin ich mir sicher, dass wir eine zufriedene, kreative und weltoffene Gesellschaft schaffen können, für die menschliche Werte keine Floskeln sind.

Das einzige Problem dabei:

Zufriedene Menschen sind schlechte Konsumenten.[wysija_form id=“8″]

Dein Finanzkoch
Christoph Geiler

Bildquelle: © pathdoc – fotolia

Portrait vom Autor dieses Artikels
Über Christoph Geiler

Als Finanzberater bin ich auf die Themen Finanzplanung, Geldanlage und Altersvorsorge spezialisiert. Als Finanzkoch bin ich konzeptionell tätig und erstelle Inhalte. In meiner Freizeit schwinge ich gern den Kochlöffel, treibe Sport und spiele mit meinem Sohn.