Und Geld macht doch glücklich!?! Wenn auch anders als Du denkst…

Gastartikel von Dummerchen

Mal ganz ehrlich – warum sparst Du Geld und legst es an? In erster Linie um irgendwann später etwas dafür kaufen zu können. Das kann das nächste Auto, die lang ersehnte Fernreise oder ein anderer lang gehegter Wunsch sein. Oder Du möchtest dem Nachwuchs später bei seiner Ausbildung finanziell unter die Arme greifen können. Oder aber – und das ist wohl eines der wichtigsten Ziele – Du möchtest fürs Alter vorsorgen.

Neben diesen „klassischen“ Zielen hat sich ein in der breiten Öffentlichkeit eher unbekannter Wunsch unter einigen Finanzinteressierten etabliert, der durch den Begriff der „Finanziellen Freiheit“ beschrieben wird: der Wunsch, irgendwann soviel Vermögen aufgebaut zu haben, dass man von den Erträgen leben kann und nicht mehr arbeiten gehen muss – wohlgemerkt vor dem offiziellen Renteneintrittsalte

Kann Geld Dir noch von anderem Nutzen sein? Ich denke ja, und lade Dich auf eine Zeitreise zu einem zentralen Schlüsselerlebnis meines bisherigen Lebens ein:

 

Der Schock

„Daher hat sich die Geschäftsleitung entschlossen, auch im Bereich der Entwicklung Arbeitsplätze aus den High-Cost-Countries in die Best-Cost-Countries zu verlagern.“ Verlagern. Schön gesagt. Wohl eher hier abbauen und hoffen, dass die Kollegen aus Indien, der Ukraine, China und den anderen Best-Cost-Countries die Projekte billiger hinkriegen. Dass das nach vielen Jahren, in denen ausschließlich die Produktion verlagert wurde, irgendwann auch die Entwicklung treffen würde – so richtig überrascht war keiner meiner Kollegen. Seit Jahren gab es eh schon die Sorge, dass die US-Leitung den deutschen Standort „verschlanken“ wollte.

So standen wir ziemlich bedröppelt da. Hatten wir doch gerade die Info der obersten Geschäftsleitung in kleinen Gruppen mitgeteilt bekommen. Man spürte die Unsicherheit. Wen würde es tatsächlich treffen? Die Junggesellen? Die Kinderlosen? Die „Underperformer“? Die Familienväter mit frisch gebautem Häuschen auf dem Land? Würde man im Fall der Fälle sofort wieder einen ähnlich gut bezahlten Job bekommen? Hier in der Nähe? Wie ist überhaupt gerade der Jobmarkt in unserer Branche?

 

Der kleine Stups

Ich spürte, dass dies der letzte Anstoß war, den ich noch brauchte, um etwas zu ändern. Erlebt hatte ich diese Situation schon ein paar Mal bei verschiedenen Arbeitgebern, aber dieses Mal war anders.

Was war anders? Nun, zum einen war mein Finanzpolster ein anderes. Die erste Entlassungswelle hatte ich schon wenige Monate nach meinem Berufseinstieg und somit ohne jede Rücklage hautnah miterleben dürfen. Seitdem hatten meine Frau und ich überschüssiges Geld gespart und investiert. Über die Zeit hatte sich so auf unseren Konten einiges angesammelt und ich hatte bislang vorsichtig mit einem Auge in Richtung des heiligen Grals der Finanzbloggerszene geschielt: die finanzielle Freiheit!

Der Gedanke, irgendwann nicht mehr als Ingenieur arbeiten zu müssen und von Rücklagen und deren Erträgen leben zu können, war mir schon sympathisch. Ich beherrschte zwar mein Handwerk und auch meine Chefs waren zufrieden mit mir, aber so richtig glücklich war ich nicht. Hardwareentwicklung, Softwareentwicklung, Projektleitung – gemacht hatte ich über die Jahre einiges. Mit tiefster innerer Freude hat es mich nicht erfüllt. Also irgendwann raus aus dem Hamsterrad?! Mit dem aktuellen Gehalt und den daraus resultierenden Sparraten durchaus möglich – allerdings wohl frühestens in zehn Jahren.

Aber nicht nur die finanzielle Situation war eine andere. Ich war anders. Ich hatte gerade die statistische Lebensmitte überschritten und mich einige Zeit intensiv mit dem Sinn meines Lebens und der Suche nach der inneren Zufriedenheit beschäftigt: Was macht Dich glücklich? Wer und was ist Dir wichtig im Leben? Was würdest Du tun wollen, wenn Du morgen im Lotto den Jackpot gewinnen würdest? Ich hatte vage Antworten auf diese Fragen gefunden. Und diese Antworten hatten mit meiner bisherigen Arbeit wenig zu tun.

Was bedeutete da die Hiobsbotschaft, die wir gerade erhalten hatten? Sollte ich hoffen, nicht von dieser Entlassung (oder einer der folgenden Wellen) betroffen zu sein? Im Job bleiben zu können? Vielleicht doch zehn Jahre einfach noch weiter funktionieren, um dann hoffentlich die finanzielle Freiheit erreichen zu können und dem nachgehen zu können, was mich glücklich macht?

Nein! Ich wollte nicht mehr bloß funktionieren. Und der kleine „Geldhaufen“ im Rücken gab mir die innere Ruhe, dass ich jetzt einfach mal etwas in meinem Leben riskieren sollte. Etwas Neues ausprobieren. Mich selbst ausprobieren. Den ersten Schritt Richtung innerer Zufriedenheit gehen. Auch wenn es bedeuten sollte, weniger zu verdienen und den Gedanken an die finanzielle Freiheit entweder nach hinten schieben oder vielleicht sogar ganz abhaken zu müssen. Lieber jetzt glücklich sein als vielleicht in zehn oder mehr Jahren! Also machte ich mich auf die Suche nach einer Lösung.

 

Hoffnungen und Ängste

Mein Arbeitgeber gab mir und meinen Kollegen nach der ersten Ankündigung ausreichend Zeit, sich entweder verrückt zu machen, wen es wohl genau treffen würde, oder aber die Fühler nach etwas Neuem auszustrecken. Lange wurden keine Namen genannt, dafür erarbeitete der Betriebsrat eine gute Lösung für die potentiell Betroffenen: eine Abfindung in Abhängigkeit von der Betriebszugehörigkeit, eine zwölfmonatige Transfergesellschaft mit 80%-Gehalt und eine Bonuszahlung für die Schnell-in-den-neuen-Job-Wechsler. Da lag also viel Geld auf dem Tisch – und ich war wohl einer der wenigen, die unbedingt entlassen werden wollten. Ich hatte bereits genug Geld gespart, um einige Jahre auch ohne staatliche Hilfen leben und etwas Neues ausprobieren zu können. Und dieses in Aussicht gestellte Finanzpaket würde die Situation sogar weiter entspannen.

Jetzt musste ich „nur“ noch den Beruf finden, in dem ich meine Fähigkeiten und Wünsche unter einen Hut bringen konnte. Ich las Ratgeber darüber, „Wie man die richtige Arbeit für sich findet“, ließ mich auf darin vorgeschlagene Gedankenexperimente ein und horchte in mich hinein. Was sind meine innersten Wünsche? Was erhoffe ich mir von einem anderen Beruf? Dabei stieß ich regelmäßig auf meine Ängste, neuen Herausforderungen nicht gewachsen zu sein. Ein Motto, das fortan an meinem Kühlschrank hing, half mir durch diese Phase:

 

Everything you want is on the other side of fear. (Jack Canfield)

 

Meine endgültige Entscheidung tauchte während dieses Prozesses schon sehr früh und immer mal wieder in meinen Gedanken auf. Ich traute mich aber zunächst nicht. Ich wollte dieses Mal – anders als noch bei meiner rein rationalen Entscheidung für den Ingenieursberuf in jungen Jahren – sicherer sein, eine gute Entscheidung getroffen zu haben. Aber immer wieder kreisten die Gedanken und Vorstellungen um meinem Herzenswunsch. So suchte ich Kontakt zu Menschen, die schon in diesem Umfeld tätig waren, und wollte mehr erfahren. Was sie erzählten, bestärkte mich darin, den Weg zu gehen. Ich erfuhr, dass ich diesen Beruf sogar realistisch erreichen konnte: Training-on-the-job über rund zwei Jahre und schließlich rund 20-25% weniger Gehalt als zuvor, hieß der Deal. Es gab allerdings nicht viele dieser Stellen und es würde frühestens ein halbes Jahr später losgehen können. Und eine konkrete Zusage würde auch erst deutlich nach dem potenziellen Entlassungstermin ausgesprochen werden können.

Puh, so ganz einfach und geschmeidig von Job A nach Job B wechseln ging damit nicht. Ich müsste also damit leben, bei einer Entlassung keine Ahnung zu haben, ob es wirklich mit meinen Plänen klappen würde. Und ob der neue Beruf mir wirklich die Erfüllung bringt, die ich mir erhoffte, stand trotz aller Vorüberlegungen auch in den Sternen. Man merkt ja immer erst so richtig, wie ein Beruf ist, wenn man ihn auch am eigenen Körper erfährt. Und was, wenn ich nach zwei Jahren feststellen würde, dass es doch ein Irrtum war? Könnte ich einfach so wieder als Ingenieur einsteigen? Wie gehen Personaler mit solchen ungewöhnlichen Brüchen im Lebenslauf um? Machte ich da gerade einen dummen Fehler? Und ticke ich eigentlich noch richtig? Alle wollen doch immer mehr verdienen – wie kann ich da aus der Reihe tanzen und weniger anstreben? Zweifel kamen auf.

 

Die Entscheidung

Dann kam die Entlassungsliste heraus – und ich stand nicht drauf! So ein Mist! Klar, kündigen kann man auch selbst, aber das Entlassungspaket war einfach zu gut. Mit der Liste kam dann aber auch die potenzielle Rettung: Nicht-Betroffene konnten sich ab dem Folgetag freiwillig beim Vorgesetzten melden und sich anstelle von Betroffenen auf die Liste setzen lassen.

(Über das psychologisch unkluge Vorgehen der Firma will ich gar keine Worte verlieren – so macht man es auf jeden Fall nicht!)

Nach einigen Gesprächen mit Frau und Freunden, dem Abwägen aller Vor- und Nachteile, dem erneuten Durchrechnen eines Worst-Case-Szenarios und einer unruhigen Nacht stand die Entscheidung fest. Am nächsten Morgen meldete sich zunächst exakt eine (!) Person beim Abteilungsleiter – etwas erstaunt und überrascht nahm er meinen Wunsch zur Kenntnis, übergab den Fall „Dummerchen“ der Personalabteilung und wenige Wochen später wurde die Entlassung offiziell beschlossen!

 

Fazit

Zwei Jahre sind seitdem vergangen. Ich habe die erhoffte Stelle bekommen, übe den neuen Beruf erfolgreich aus und bin glücklich. Sehr glücklich sogar. Besser hätte alles gar nicht laufen können. Training-on-the-job läuft mit hohem zeitlichem Aufwand nebenher. Aber den damit verbundenen Stress nehme ich gerne in Kauf. Meine Frau sagt, sie hätte mich nie ausgeglichener, zufriedener, glücklicher und begeisterter erlebt.

 

Was hat mich diese Episode in meinem Leben über die Bedeutung und den Wert von Rücklagen gelehrt?

  • Ein Finanzpolster kann dem Leben Druck nehmen. Wer nicht auf das Gehalt des Folgemonats angewiesen ist, gewinnt die Gelassenheit, auch mal links und rechts des Weges zu schauen und Gelegenheiten beim Schopf packen zu können. Es erleichtert, mutige Entscheidungen zu treffen.
  • Man muss nicht die finanzielle Freiheit erreichen, um ein zufriedenes Leben zu führen. Ich habe erlebt, dass es besser sein kann, das Streben nach „mehr Geld“ zurückzustellen, um schon im Hier und Jetzt glücklich zu sein.

 

Hinweis: Ich nenne in diesem Beitrag bewusst nicht meinen neuen Beruf. Du darfst gerne spekulieren – ich werde mich dazu nicht äußern. Es ist nämlich nicht wichtig, welchen Beruf ich jetzt konkret ausübe. Es ist nur wichtig, dass es ein Beruf ist, den ich jeden Tag gerne ausübe und der mich fast täglich dazu bewegt, meiner Frau begeistert von den neuesten Erlebnissen zu berichten. Mein neuer Beruf passt zu mir – Du würdest diesen Beruf vielleicht niemals ausüben wollen.

 

Wie sieht es bei Dir aus? Bist Du auch glücklich im Hier und Jetzt? Hast Du auch schon mal darüber nachgedacht, grundsätzliche Dinge in Deinem Leben zu ändern?

 

Über den Autor

Dummerchen beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit dem Thema Privatfinanzen, ist regelmäßiger Leser in zahlreichen Finanzblogs und meldet sich dort gerne in den Kommentaren zu Wort.

Bildquelle: © pixelmeister – fotolia

Portrait vom Autor dieses Artikels
Über Christoph Geiler

Als Finanzberater bin ich auf die Themen Finanzplanung, Geldanlage und Altersvorsorge spezialisiert. Als Finanzkoch bin ich konzeptionell tätig und erstelle Inhalte. In meiner Freizeit schwinge ich gern den Kochlöffel, treibe Sport und spiele mit meinem Sohn.