Das Rentensystem in Schweden: Exportschlager Aktienrente?

Das deutsche Rentensystem steht in der Kritik. In den letzten Jahren und Jahrzehnten wurden viele kleine Stellschrauben angesetzt, doch eine grundlegende Überarbeitung oder Neuaufstellung gab es nicht.

Auch zur Bundestagswahl 2021 wurde fleißig diskutiert und Pläne geschmiedet wie das Rentensystem dem demografischen Wandel gerecht werden kann. Das interessanteste und gleichzeitig umstrittenste Thema war die Aktienrente, welche mit dem Hinweis auf die skandinavischen Rentensysteme (insbesondere das Rentensystem in Schweden) den Weg aus der Rentenkrise ebnen soll.

Dies habe ich als Anlass genommen, mir die Rentensysteme anderer Länder genauer anzusehen (siehe auch „Das Rentensystem in Norwegen“ und „Das Rentensystem von Österreich„). Den Auftakt macht das schwedische Rentensystem. Dabei werden wir nicht nur einen Blick auf die Aktienrente werfen, sondern auf das gesamte System und herausfinden, was Deutschland tatsächlich von Schweden lernen kann.

Das Rentensystem in Schweden

Von Garantierente bis privater Vorsorge

In den letzten Jahren war Schwedens Rentensystem vor allem aufgrund der Aktienrente sehr präsent in den deutschen Medien. Dabei macht diese nur einen kleinen Teil der Rentenstruktur aus.

Schweden macht einiges anders als Deutschland, aber es gibt auch Parallelen. Wir werden uns anschauen, welche Rentenarten bezogen werden können, wann Schwed:innen in Rente gehen können und wie die Aktienrente genau funktioniert.

Das Rentensystem in Schweden kennt vier Rentenarten:

1. die Garantierente
2. die staatliche Alterssicherung
3. die betriebliche Altersversorgung und
4. die private Vorsorge

Die Garantierente – Bis zu 850 Euro im Monat sicher

Die Garantierente ist eine Art Mindestrente und steht jedem zu, der mindestens drei Jahre in Schweden gewohnt hat. Sie wird durch Steuern finanziert und ist ein wichtiger Pfeiler gegen Altersarmut. Diese Rente bekommen auch Personen, die wenig oder nichts in die staatliche Altersversorgung eingezahlt haben. Der Auszahlungsbetrag wird jährlich neu berechnet – je nach Preisentwicklung – und richtet sich unter anderem nach der Aufenthaltsdauer in Schweden.

Bei einer Aufenthaltsdauer von mindestens 40 Jahren kann die Garantierente bei bis zu 850 Euro pro Monat liegen, wobei es möglich ist, zusätzlich Wohngeld zu beantragen.

Die staatliche Alterssicherung – Alle zahlen ein

In Schweden zahlen ausnahmslos alle Erwerbstätigen ab 16 Jahren automatisch in die staatliche Rentenversicherung (inklusive Staatsbeamte und Selbständige) ein. Wie in Deutschland ist die staatliche Rente beitragsorientiert. Die aktuellen Kosten der Rente werden über die Beiträge der Arbeitnehmer:innen gedeckt. Zukünftige Rentner:innen erhalten keine Leistungszusagen. Sie können von ihren gegenwärtig gezahlten Beiträgen nicht auf die Höhe ihrer späteren Rente schließen.

Seit 1999 umfasst die staatliche Rente zwei Rentenarten: die Zusatzrente und die Prämienrente (das, was wir in Deutschland unter Aktienrente verstehen). Hierhin fließen insgesamt 18,5 Prozent der Bruttoeinkommen – 11,1 Prozent steuern die Unternehmen bei, 7,4 Prozent die Arbeitnehmer:innen. Bei der Einzahlung gibt es eine Höchstgrenze, die sich auf das 7,5-fache des Einkommensgrundbetrag beläuft. Der Grundbetrag wird jährlich neu berechnet und lag 2020 bei umgerechnet ca. 512 Euro. Selbständige zahlen die vollen 18,5 Prozent ein. Die Beiträge der Arbeitnehmer:innen und der Selbständigen wird jedoch vollständig durch eine Steuerermäßigung ausgeglichen *1.

Von den 18,5 Prozent fließen 16 Prozent in die Zusatzrente. Zusatzrente meint hier eine über die Garantierente hinausgehende Rente, die sich am Einkommen orientiert.

In die kapitalgedeckte Prämienrente zahlen Schwed:innen 2,5 Prozent ihres Einkommens. Dabei können sie wählen, ob sie in den staatlichen Fonds AP7 einzahlen oder in bis zu fünf von mehreren hundert vorausgewählten Fonds. Wer sich nicht entscheidet oder entscheiden möchte, zahlt automatisch in den AP7, den wir uns weiter unten noch genauer ansehen werden.

Wie groß der Anteil der „Aktienrente“ an der gesamten Rentenauszahlung ist, hängt von der Entwicklung der Kapitalmärkte ab.

Bezogen auf die staatlichen Rentenzahlungen (Garantie-, Einkommens- und Prämienrente) macht der Anteil der Prämienrente circa 5,5 Prozent aller Rentenzahlungen aus.

Laut offizieller Vorausberechnungen soll ihr Anteil 2040 bei 20 Prozent liegen *2. Zählt man die im folgenden Abschnitt private betriebliche Altersvorsorge hinzu, verringert sich der Anteil der Prämienrente entsprechend.

Betriebliche Altersversorgung – Arbeitgeber zahlen, Arbeitnehmer entscheiden

Im schwedischen Rentensystem gilt die betriebliche Altersvorsorge als eine private Pflichteinzahlung, wird aber komplett von den Arbeitgeber:innen getragen. Diese zahlen 4,5 Prozent eines Bruttoeinkommens in einen meist kapitalgedeckten Rentenplan. Die Versicherten können sich zwischen Anleihen und Aktienfonds entscheiden, tragen dabei jedoch selbst das Renditerisiko. Circa 90 Prozent aller Arbeitnehmer:innen sind in der betrieblichen Rente versichert. Der Anteil dieser Vorsorgeart an der Gesamtrente macht immerhin >25 bis 35 Prozent aus.

Private Vorsorge – ein wichtiger Baustein angesichts des Rentenniveaus

Trotz viel gelobter Prämienrente liegt das Rentenniveau für öffentliche und private Pflichteinzahlungen lediglich bei >56,2 Prozent.

Das Rentenniveau spiegelt das Verhältnis von Einkünften während des Erwerbslebens zu den Rentenzahlungen im Ruhestand wider.

Deutschland kommt bei den Pflichteinzahlungen auf ein Rentenniveau von 52,9 Prozent. Dass ein Vergleich der Rentenniveaus schwierig ist, hat unter anderem folgende Gründe:

  1. In Deutschland zahlen nicht alle in die einkommensbezogene Rente ein (Beamte, Selbständige und andere Berufsgruppen werden hier nicht mitgezählt).
  2. Vorsorgeprodukte wie die >Riesterrente gelten in Deutschland als freiwillig und werden hier ebenfalls nicht mit einberechnet.

Das heutige Niveau der Rentenzahlungen aus der staatlichen Alterssicherung wird in Schweden nicht garantiert. Sollte es zu Wirtschaftseinbrüchen wie etwa bei Finanzkrisen kommen, werden die Rentenauszahlungen entsprechend angepasst. Ebenso verhält es sich bei der durchschnittlichen Lebenserwartung. Wächst sie, sinken die Renten automatisch. Eine staatliche Ausgleichszahlung ist nicht vorgesehen und so kam es in den Jahren 2010, 2011 und 2014 zu nominalen Rentenkürzungen.

Daher sollten Erwerbstätige privat zusätzlich vorzusorgen. Hier werden dann – ähnlich wie in Deutschland – klassische Produkte wie Lebensversicherungen, Fondssparpläne oder abbezahlte Immobilien empfohlen.

Staatliche Anreize für die private Vorsorge gibt es allerdings nicht.

Renteneintritt – Schweden setzt auf Flexibilität

Das Renteneintrittsalter ist in Schweden flexibler gestaltet als in Deutschland und passt sich automatisch an Veränderungen der durchschnittlichen Lebenserwartung an. Mit 62 Jahren können Arbeitnehmer:innen bereits in Rente gehen – allerdings mit Abschlägen. Ohne Abschläge ist eine Rente ab 65 Jahren möglich; zudem besteht das Recht, bis 67 Jahren zu arbeiten. Alles, was darüber hinaus geht, muss zusätzlich vereinbart werden. Im Durchschnitt gehen Schwed:innen mit >64,5 Jahren in Rente. In Deutschland liegt das durchschnittliche Rentenalter bei >64,2 Jahren.

Die Prämienrente und der AP7 Rentenfonds – große Auswahl und ein klarer Favorit

Ende der 90er Jahre reformierte Schweden sein Rentensystem grundlegend. Neben der Umstellung auf beitragsorientierte Einzahlungen und der verpflichtenden Betriebsrente wurde das System der Prämienrente eingeführt.

Um das Rentensystem gegen demografische Schwankungen stabil zu halten, zahlen alle Arbeitnehmer:innen 2,5 Prozent ihres Einkommens in bis zu fünf der Vorausgewählten Fonds, welche von 103 Fondsgesellschaften und dem Staat selbst angeboten werden. Zur Auswahl stehen:

  • 564 Aktienfonds,
  • 138 Rentenfonds,
  • 93 Mischfonds,
  • 35 Generationenfonds
  • sowie das behördlich angebotene Standardfondsportfolio AP7 Såfa.

Bis vor wenigen Jahren standen noch mehr Fonds zur Auswahl. Im Zuge einer Reform 2019 wurden jedoch 269 Fonds die Zulassung entzogen.

Wer sich nicht aktiv für einen bis maximal fünf dieser Fonds entscheidet, landet automatisch im Standardportfolio AP7 Såfa. Dieses Portfolio ist Teil des staatlich verwalteten Pensionsfonds AP7. Dieser Pensionsfonds setzt sich aus dem AP7 Aktienfonds und dem AP7 Rentenfonds zusammen. Erwerbstätige, die sich für den AP7 entscheiden, können je nach Risikobereitschaft zwischen vier Portfolios wählen. Neben dem Såfa, stehen ein sicherheitsorientiertes, ein ausgeglichenes und ein wachstumsorientiertes Portfolio bereit.

Da der AP7 Såfa die sogenannte Default-Option darstellt (wer keine aktive Entscheidung trifft, landet automatisch im Såfa), sind hier die meisten Schwed:innen investiert. Circa 63 Prozent der Einzahlenden halten das Standardportfolio *3. In diesem Portfolio werden alle Beträge bis zum Alter von 55 Jahren in den AP7 Aktienfonds gezahlt. Zwischen 56 und 75 Jahren wird das Vermögen allmählich in den AP7 Rentenfonds umgeschichtet bis schließlich zwei Drittel des Vermögens im Rentenfonds liegt.

Nachhaltigkeit mit 11 Prozent Rendite

Interessant ist, wie sich das Fondsvermögen des AP7 Aktienfonds zusammensetzt. Der schwedische Staat hat festgelegt, dass das Basisportfolio des Fonds breit diversifiziert sein soll. Grundsätzlich beinhalten darf das Portfolio Wertpapiere, Geldmarktinstrumente, Derivate, Bankguthaben und Investmentfonds. Das Ziel ist, die jährliche Rendite des MSCI All Country World zu übertreffen.

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94 Prozent des Basisportfolios werden so investiert, dass die Wertentwicklung des MSCI ALL Country World nachgebildet wird. Es wird demnach in fast 3.000 Unternehmungen aus 11 Branchen in 23 entwickelten und 24 aufstrebenden Märkten investiert. Dazu zählen zum Beispiel Apple, Microsoft, Amazon, Johnson&Johnson und JP Morgan Chase. Allerdings wird der Index nicht eins zu eins übernommen.

Der AP7 Aktienfonds ist gesetzlich dazu verpflichtet, nur in Unternehmen zu investieren, die sich unter anderem an die UN-Leitlinien für verantwortungsvolle Unternehmensführung halten. Die restlichen 6 Prozent werden in einem Beteiligungsfonds angelegt.
Der AP7 Rentenfonds investiert dagegen in schwedische Staats- und Kommunalanleihen (23,3 Prozent) und in gedeckte Schuldverschreibungen (76,7 Prozent) *4.

Insgesamt liegen im schwedischen Staatsfonds 662 Milliarden Schwedische Kronen (umgerechnet ungefähr 66 Milliarden Euro). Bei Kosten von 0,1 Prozent pro Jahr erzielte der Fonds in den vergangenen 20 Jahren im Durchschnitt eine Rendite von 11 Prozent pro Jahr *5.

Fazit zum Rentensystem in Schweden: Was können wir uns abschauen?

Schweden macht meiner Ansicht nach einiges richtig bei der Rente. Sie ist breit aufgestellt. Die Grundabsicherung im Alter durch die Garantierente ist vor allem für Geringverdienende eine wichtige Unterstützung. Durch die verpflichtende Betriebsrente, die einen großen Teil der Rentenzahlungen ausmacht, wird ein gewisses Auskommen im Alter gesichert. Zudem zahlen ausnahmslos alle Schwed:innen in den Rententopf ein und werden durch Steuerermäßigungen entsprechend entlastet.

Automatismen, die sich an verändernde demografische und wirtschaftliche Verhältnisse orientieren, garantieren eine gewisse Stabilität für das Rentensystem in Schweden. Auch die Betragssätze für die Einzahlenden sollen stabil bleiben. Das bedeutet jedoch auch, dass es, wie bereits in der Vergangenheit geschehen, zu nominalen Rentenkürzungen kommen kann.

Die Prämienrente/Aktienrente ist zwar ein guter Bonus, ihre Bedeutung wird jedoch überschätzt. Auf der einen Seite machen die Auszahlungen keinen wesentlichen Bestandteil der Gesamtrente aus. Auf der anderen Seite birgt ein solches System auch Gefahren. Alle Arbeitnehmer:innen sind verpflichtet, einen Teil des Gehalts in Fonds anzulegen, aber die wenigsten wissen, was wirklich mit ihrem Geld passiert. Sie müssen den Fondsgesellschaften bzw. dem Staat vertrauen, dass diese verantwortungsvoll investieren.

Da verwundert es nicht, dass die meisten keine aktive Entscheidung zu Anlagen treffen (können) und automatisch im Staatsfonds landen. Auch der Staatsfonds setzt auf Derivate, um sich in der Zukunft abzusichern; geht aber beispielsweise durch Aktienleerverkäufe zusätzlich Risiken ein. In den letzten Jahren wurden zudem unzählige Fonds aufgrund von Misswirtschaft eingestellt. Korruption und Vermögensumschichtungen drücken die Rendite und gehen dann zu Lasten der Einzahlenden.

Bei einem Rentenniveau, das kaum höher ist als in Deutschland, stellt sich schließlich die Frage, ob beziehungsweise welcher Teil des schwedischen Rentensystems tatsächlich ein Vorbild für Deutschland sein könnte.

Quellen

*1 Florian Blank: Rente: eignet sich Schweden als Vorbild für Deutschland? S. 14, https://www.wsi.de/fpdf/HBS-008294/p_wsi_pb_69_2022.pdf (zuletzt aufgerufen am 17.05.2022).
*2 Ebd.: S. 5.
*3 Luft, Carl-Georg Christoph; Hartung, Thomas: Altersvorsorge aus dem Baukasten: Försiktig, balenserad oder offensiv? Eine Analyse der Anlagestrategie, Finanzanlagenallokation und Vermögenswertveränderungen des schwedischen Prämienrentensystems. (2019): https://www.econstor.eu/bitstream/10419/215467/1/10_3790_vjh_88_1_031.pdf (zuletzt aufgerufen am 16.03.2022).
*4 Emittenten der gedeckten Schuldverschreibungen sind schwedische Pfandbrief- und Hypothekenbanken.
*5 Raskopf, Charlotte: Der schwedische Pensionsfonds AP7: ein Vorbild für Deutschland? https://www.capital.de/geld-versicherungen/der-schwedische-pensionsfonds-ap7-ein-vorbild-fuer-deutschland-121842 (zuletzt aufgerufen am 17.03.2022).

Portrait vom Autor dieses Artikels
Über Birgit Hünniger

Ich bin angehende Finanzberaterin und unterstütze die Finanzküche bei ihrer operativen und visionären Arbeit. Meine Aufgabenbereiche sind die Vor- und Nachbereitung von Beratungsgesprächen, sowie die Erstellung von Beiträgen für Blog und Newsletter.