Ist Fairriester 2020 an der Realität gescheitert? (und was wir daraus lernen können)

Am 12. März 2020 hat fairriester alle Aktien-ETFs seiner Riester-Sparer verkauft und das bisherige Anlagekonzept ad absurdum geführt.

Fairriester gescheitert? Die Podcast-Episode zum Artikel:

Shownotes:

Die wichtigsten Inhalte:

  • Im Zuge der Corona-Krise hat fairr alle Aktien ETFs seiner Riester-Kunden verkauft und in Liquidität umgeschichtet
  • Ursache ist die gesetzlich vorgeschriebene Beitragsgarantie für Riester-Kunden
  • Riester und hohe Renditen passen nicht zusammen
  • Wer sich für einen Riester-Vertrag entscheidet, sollte das aufgrund hoher Förderquoten tun
  • Fairriester-Kunden sollten individuell entscheiden, ob sie eine Vertragsanpassung vornehmen. Eine pauschale Empfehlung ist nicht sinnvoll

 


Fairriester hat alle ETFs verkauft.

Fairriester hat in der Corona-Krise alle ETFs verkauft.

Textbeitrag – Ist fairriester 2020 an der Realität gescheitert? (und was wir daraus lernen können)

Am 12. März 2020 hat fairriester alle Aktien-ETFs seiner Riester-Sparer verkauft und das bisherige Anlagekonzept ad absurdum geführt, welches ein strikter Buy & Hold Ansatz mit einer hohen Aktienquote sein sollte.

Auslöser für den Bruch mit der eigenen Anlagestrategie sind die hohen Kursverluste der Aktienmärkte im Februar/März 2020 im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Die Sutor Bank, welche das Kapital der fairriester-Sparer verwaltet, hat angesichts des Wertverfalls die Reißleine gezogen und ein mögliches finanzielles Desaster in der eigenen Bilanz verhindert.

Die Folge für fairriester-Kunden ist, dass Kursverluste fast vollständig mitgenommen und die anschließende Erholung verpasst wurde.



Fairriester zollt der Beitragsgarantie Tribut

Der Schritt der Sutor Bank zollt einer gesetzlichen Regelung Tribut, die für alle Riester-Renten gilt:

Darin wird Riester-Anbietern vorgeschrieben, dass zum zum Ende der Ansparphase einer Riester-Rente mindestens die eingezahlten Beiträge des Kunden im Vertrag vorliegen müssen (Beitragsgarantie). Verluste der Kunden sollen so ausgeschlossen werden. Der Anbieter hat dafür Sorge zu tragen, dass die Garantie erfüllt wird und haftet dafür.

Wenn sich die Sutor Bank der Aktienanlagen nicht entledigt hätte und die Kurse weiter ins Bodenlose gestürzt wären, hätte womöglich akute Erklärungsnot bestanden, wie die Beitragsgarantie gestemmt werden soll.

Bereits 2016 habe ich mich im Artikel „Fairriester: Das solltest du wissen“ damit auseinandergesetzt, was passiert, wenn eine große Anzahl von Kundenportfolios ins Minus rutscht und auf zwei Eskalationsstufen hingewiesen:

Stufe 1: Die Aktienquote wird zurückgefahren

Stufe 2: Die Sutor Bank muss in die Insolvenz

Die Sutor Bank hat die Aktienquote jetzt auf Null gesenkt, um die zweite Eskalationsstufe zu vermeiden. Das ist zwar für Kunden vermögensschädigend, aber kaufmännisch nachvollziehbar.

 

Einschätzung der fairriester-Aussagen von der eigens eingerichteten FAQ-Seite

Fairriester hat zum Vorgang eine FAQ-Seite*¹ eingerichtet. Die folgenden Fragen und Antworten sind Zitate der FAQ-Seite. Diese werde ich im folgenden kommentieren, bevor ich im Anschluss dazu komme, was wir aus dem Vorfall lernen können.

Widerspricht eine Umschichtung der Idee einer passiven Geldanlage?

Antwort von fairriester:

Der fairriester investiert in passive Fonds, sogenannte ETFs oder Indexfonds. Diese kommen ohne einen Fondsmanager aus. Passive Fonds bilden einen Marktindex ab, ohne zu versuchen, durch aufwendige, teure und empirisch belegt meist erfolglose Auswahl von Einzeltiteln besser als der Markt zu sein. Die im Riester-Produkt fairriester enthaltene Vermögensverwaltung durch die Sutor Bank beinhaltet – anders als bei passiven Fonds – ein aktives Eingriffsrecht und -pflicht. Die Vermögensverwaltung folgt dabei dem Ansatz, so selten wie möglich und nur wenn nötig einzugreifen.

Meine Einschätzung:

Die Umschichtung widerspricht der Idee einer passiven Geldanlage. Auch wenn die Vermögensverwaltung der Sutor Bank selten eingreift, bleiben die seltenen Eingriffe eine aktive Anlageentscheidung. Zu allem Überfluss erfolgen diese Eingriffe vornehmlich in den entscheidenden Momenten, wie wir in der Situation rund um das Coronavirus beobachten konnten.

 

Widerspricht eine Umschichtung dem Buy & Hold Ansatz?

Antwort von fairriester:

Die gegenwärtige Umschichtung ist kein Market Timing, obwohl sie sich angesichts weiterer Kursverluste in den ersten Tagen nach der Umschichtung als vorteilhaft erwiesen hat. Die Umschichtung erfolgte im Rahmen gesetzlicher Anforderungen an Riester-Produkte. Ein Wiedereinstieg ist ebenfalls nicht von Market Timing abhängig. Dieser Anlageansatz, der grundsätzlich einem Buy & Hold Ansatz ähnelt, wird jedoch durch zwingende Maßnahmen zum Risikomanagement eingeschränkt.

Meine Einschätzung:

Die Umschichtung steht in einem fundamentalen Widerspruch zum Buy & Hold Ansatz. Selbst fairr nutzt hier das Wort „ähnelt“. Der Wiedereinstieg wird ebenso wie der Ausstieg aus den Aktienmärkten per Definition Market Timing sein. Das hier davon gesprochen wird, dass sich die Entscheidung in den ersten Tagen als „vorteilhaft erwiesen hat“, soll die Gemüter besänftigen. Die Aussage wurde bereits kurz darauf von der Realität eingeholt und es setzte ein starke Erholung an den Kapitalmärkten, von der die fairriester-Sparer nicht profitieren konnten.

Wurden durch die Umschichtung Verluste realisiert?

Antwort von fairriester:

Nein, dies ist aus verschiedenen Gründen nicht der Fall. Zum einen sind seit dem 12. März 2020 die Kurse weiter gesunken (Stand 23. März 2020). Kursgewinne und -verluste in einem Riester-Produkt unterliegen nicht der Kapitalertragsteuer. Eine steuerlich relevante Realisierung von Verlusten hat daher nicht stattgefunden. Auch im Vergleich zu den eingezahlten Beiträgen wurden keine Verluste realisiert, da die eingezahlten Beiträge zum Ende der Ansparphase von der Beitragsgarantie gedeckt sind. Verluste würden dann realisiert, wenn die alten Höchststände über die Restlaufzeit des Vertrages aufgrund einer dauerhaft renditsschwachen Anlage nicht wieder erreicht würden. Davon gehen wir nicht aus. Aktuell würden zudem Verluste realisiert, wenn der Vertrag gekündigt wird, da die Mindestwertzusage zum Ende der Laufzeit gilt.

Meine Einschätzung:

Es sind Verluste auf Vertragsebene realisiert wurden, die die Vermögensentwicklung der Anleger nachhaltig schädigen. Wenig tröstlich ist, dass diese erst auf Kundenebene ankommen, wenn dieser seinen Vertrag kündigt. Richtig ist, dass Riester-Sparer zum Ende Laufzeit in jedem Fall die eingezahlten Beiträge herausbekommen müssen. Wenn dein Vertrag nur noch eine kurze Laufzeit hat, ist das ein echter Pluspunkt, da du bei Alternativanlagen kaum noch Zeit hättest, die Kursverluste wieder aufzuholen.

Ist eine erneute Umschichtung in Aktien möglich oder bleibe ich nun für immer in Liquidität investiert?

Antwort fairriester:

Die Anlagestrategie des fairriesters folgt keinem starren Schema. Das zeigen auch die Anlageentscheidungen der Vergangenheit. Die Vermögensverwaltung der Sutor Bank nimmt Anpassungen der Anlagstrategie an veränderte Marktbedingungen vor. Dabei werden sowohl Risiko- als auch Ertragsgesichtspunkte berücksichtigt. Eine dauerhafte Anlage in Cash, das sogenannte Cash-Lock, ist nicht vorgesehen.

Meine Einschätzung:

In dieser Aussage wird deutlich, dass fairriester weder einen Buy & Hold Ansatz, noch eine passive Anlagestrategie verfolgt. Es ist von einer Vermögensverwaltung die Rede, die die Anlagestrategie an veränderte Marktbedingungen anpasst. Eine regelmäßige Anpassung der Anlagestrategie ist per Definition eine aktive Anlagestrategie. Wann fairriester-Sparer wieder Aktien im Depot begrüßen dürfen, bleibt abzuwarten und ist eine aktive Entscheidung der Sutor Bank.

Resümme: Ist Fairriester gescheitert? Und was können wir lernen?

Fairriester schreibt auf seiner eigens eingerichteten FAQ-Seite zum Vorfall:

Ausgelöst durch die COVID-19-Krise kam es seit dem 24. Februar 2020 zu Kursverlusten und deutlichen Schwankungen an den Finanzmärkten. Von diesen ungewöhnlichen, zum Teil nie dagewesenen Schwankungen sind Aktien und gleichzeitig Zinsen (Anleihen) betroffen. Als Folge konnte das Verhältnis von Kundenportfolios zu den abgezinsten Verpflichtungen aus der Beitragsgarantie im Rahmen des Risikomanagements nicht mehr verlässlich berechnet werden. Der Anlageausschuss der Sutor Bank hat aus diesem Grund zugunsten einer stabilen Risikobewertung entschieden, in Liquidität umzuschichten.

Mit der Entscheidung in Liquidität umzuschichten, ist das Unternehmen Fairriester nicht gescheitert. Allerdings offenbart der Schritt die Achillesferse des gewählten Anlagekonzeptes von fairr. Die Beitragsgarantie lässt sich mit einer hohen Aktienquote in turbulenten Zeiten schlicht nicht darstellen. Das Wahrheit ist, dass Aktienmarktrisiken noch nie zuverlässig berechnet werden konnten.

Um Risiken berechnen zu können, muss die Welt stabil und vor allem vorhersagbar sein. Es darf nur wenige Risikofaktoren geben. Zudem müssen uns große Datenmengen für unsere Risikoschätzungen zu Verfügung stehen.

Unsere Welt ist aber nicht vorhersagbar. Es gibt jede Menge Risikofaktoren. Und ob uns eine ausreichende Datenmenge zur Verfügung steht, um statistisch signifikante Aussagen treffen zu können, ist keineswegs sicher.

Ungewissheit beschreibt die Kapitalmärkte treffender als Risiko. Das ist der Grund, warum Risikomodelle regelmäßig scheitern. Sie berechnen Dinge, die sich nicht berechnen lassen. Die Kapitalmärkte haben uns am Beispiel von fairr Demut gelehrt. Wichtig ist, den richtigen Schluss daraus zu ziehen:

  • Beitragsgarantien und Renditeversprechen vertragen sich nicht

Riester-Renten können interessant sein, wenn wir ausreichend hohe Förderquoten haben. Hohe Renditeerwartungen sind kein stichhaltiger Grund für einen Abschluss. Sinnvoller ist es, sich einen solventen Versicherer zu suchen, bei dem ich an Rahmenbedingungen wie eine niedrige Kostenquote und ansprechende Regelungen im Rentenalter einen Haken setzen kann. Wenn dann noch ein paar Prozentpunkte Ertrag während der Vertragslaufzeit herausspringen, haben wir unseren Soll erfüllt.

Eine pauschale Emfpehlung, was fairriester-Kunden jetzt tun sollen, gibt es nicht. Wenn Du kurz vor dem Ruhestand stehst, kann es sinnvoll sein, einfach dabei zu bleiben. Für jüngere fairr-Kunden kann das schon wieder anders aussehen.

Wichtig zu verstehen ist, dass ein Notverkauf der Aktienanlagen, wie er jetzt erfolgt ist, auch in Zukunft wieder geschehen kann.

Dein Finanzkoch
Christoph Geiler

Quellen

1* https://www.fairr.de/produkte/fairriester/umschichtung – Zugriff auf Website am 05. Mai 2020

Portrait vom Autor dieses Artikels
Über Christoph Geiler

Als Finanzberater bin ich auf die Themen Finanzplanung, Geldanlage und Altersvorsorge spezialisiert. Als Finanzkoch bin ich konzeptionell tätig und erstelle Inhalte. In meiner Freizeit schwinge ich gern den Kochlöffel, treibe Sport und spiele mit meinem Sohn.