Strukturvertrieb – Ein Erfahrungsbericht

Im Sommer 2013 war es soweit. Ich betrat ein schickes Büro in repräsentativer Lage und wurde von einem sportlichen Mann Anfang 30 freundlich begrüßt. Einer meiner besten Freunde begleitete mich. Er hatte das Treffen arrangiert und war bereits in einer sogenannten „Trainee-Phase“.
Wir nahmen auf einer bequemen Couchgarnitur Platz und kamen ins Gespräch. Nach etwas Smalltalk wurde mir dann das „Geschäftsmodell“ Strukturvertrieb vorgestellt. Ich war zunächst skeptisch aber doch fasziniert. Es war von Investmentsparen und leistungsbezogener Vergütung die Rede.

An dieser Stelle muss der geneigte Leser Wissen, dass ich mich beim Thema Investment sprichwörtlich fühle wie die Made im Speck.

Leider war mein Wissensstand zu dieser Zeit noch so niedrig, dass mich quasi jeder der das Wort Aktie buchstabieren konnte, beeindruckt hat… Auch wenn ich mir das damals nie eingestanden hätte. Schließlich hatte ich schon früher Wertpapiere gehandelt und war Profi!
So kamen wir nach einem weiteren Treffen überein, dass ich eine Trainee-Phase starten würde.

Ich fühlte mich wie im siebten Himmel. Ich und mein Kumpel waren Investmentgötter und unser Auftrag war die Missionierung der Ungläubigen. Schon bald würden wir ein Vermögen verdienen. Alles was wir tun mussten, war die Provisionsleiter weiter hinauf zu klettern, um einen größeren Teil vom Kuchen abzubekommen.
Doch zunächst hieß es das ABC auswendig zu lernen. Bald konnten wir nicht nur Investmentfond buchstabieren, sondern auch Versicherung.

Nachdem wir die Macht des Zinseszinses kennengelernt hatten und wussten, dass alle anderen Anbieter am Markt Backpfeifen waren, stagnierte die Vermittlung von Fachwissen. Die Vertriebsspiele begannen und der Teufel zeigte sein wahres Gesicht. Nur leider waren wir zu diesem Zeitpunkt zu dumm und euphorisiert, um das zu realisieren.

Wir waren Teil eines jungen dynamischen Teams. Man ging zusammen zum Sport und traf sich in der Kneipe zum Fußball gucken. Es war eine sehr angenehme Zeit und wir wuchsen immer enger zusammen.
Nebenbei gingen die Vertriebsschulungen weiter und der Gedanke, dass wir die größten der Branche waren, verfestigte sich von Tag zu Tag.

Der erste Schritt in die Aktivität war dann die Eltern einzuladen und Ihnen zu zeigen, was man gerade Neues machte.
In Gesprächen mit Freunden und Bekannten hatte man ab sofort immer eine PR-Story parat, um sich möglichst interessant zu machen. Diese lud man dann auch ein, sich doch mal eine Beratung anzuschauen. Natürlich nur, um von Ihnen eine kompetente Einschätzung zu bekommen, was Sie von dem Unternehmen hielten…

So kam es dann auch mit der Zeit zu ersten Vertragsabschlüssen und ich war stolz wie Oskar. Freilich habe ich aufgrund des Pyramidensystems kaum etwas verdient. Doch das war mir egal. Schließlich war es nur eine Frage der Zeit, bis ich eine Meute von Investmentjüngern um mich versammeln würde. Diese könnten dann von mir das Wort Mammons empfangen und mir helfen die Stufen der Pyramide zu erklimmen. Das mit dem Geld verdienen, würde sich dann schon ergeben.
Unerschütterlich im Glauben war ich der festen Überzeugung, dass ich mit unserer „Beratung“ jedem etwas gutes tun würde.

Zur Zeit meiner ersten Beförderung fing ich endlich an, nicht nur Fragen zu stellen, sondern auch die richtigen Fragen zu stellen.
Ich beschäftigte mich intensiver mit den angebotenen Produkten und fragte mich, was daran für den Kunden von Vorteil sein sollte. Antworten sollte mir das hochgelobte BackOffice geben. Von dort bekam ich ausführliche Antworten, die ganze zwei Zeilen umfassten…
Also forschte ich weiter nach und hatte Glück. Über einen guten Freund kam ich in Kontakt mit dem Versicherungsmakler Andreas Niestolik, der mir die Augen öffnete.

Wir verkauften (viele tun das immer noch) zumeist zweitklassige Produkte, die niemand von uns verstand und das auch noch an die Menschen, die uns am nächsten stehen. Göttlich war daran nur meine Naivität.
Das blinde Vertrauen, mit dem ich fast ein ganzes Jahr durch die Gegend marschiert bin, macht mich immer noch fassungslos.

Was mir aus dieser Zeit bleibt, ist der Wunsch dabei zu helfen, die Finanz- und Versicherungsbranche neu zu gestalten.[wysija_form id=“8″]

Dein Finanzkoch
Christoph Geiler

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Portrait vom Autor dieses Artikels
Über Christoph Geiler

Als Finanzberater bin ich auf die Themen Finanzplanung, Geldanlage und Altersvorsorge spezialisiert. Als Finanzkoch bin ich konzeptionell tätig und erstelle Inhalte. In meiner Freizeit schwinge ich gern den Kochlöffel, treibe Sport und spiele mit meinem Sohn.