Leveraged ETF: Geldmaschine oder Risiko?

Wie wäre es, wenn du deine Aktienrenditen verdoppeln könntest? Bisher sind die Aktienmärkte langfristig immer gestiegen. Es wäre ein gutes Geschäft. Ein Geschäft, dass Leveraged ETFs möglich machen – zumindest auf den ersten Blick.

In diesem Artikel nehme ich mir Zeit für den zweiten Blick. Ich gehe auf die Funktionsweise von Leveraged ETFs ein und zeige Fallstricke auf. Im Mittelpunkt steht die Frage:

Für wen sind Leveraged ETFs geeignet?

Leveraged ETF: Teufel und Engel sitzen auf den Schultern eines Mannes. Sie flüstern ihm positive und negative Argumente für einen Leveraged ETF ins Ohr.

Leveraged ETF: Geldmaschine oder Risiko?

Leveraged ETF: Die Funktionsweise

To leverage bedeutet hebeln. Es handelt sich bei einem Leveraged ETF also um einen gehebelten ETF. Er hebelt die Rendite des zugrundeliegenden Index beispielsweise um den Faktor 2. Bedeutet, wenn der Index um 10 Prozent steigt, steigt der Leveraged ETF um 20 Prozent. Umgekehrt fällt der gehebelte ETF um 20 Prozent, wenn der Index um 10 Prozent nachgibt.

Jetzt beginnt es interessant zu werden. Leveraged ETFs bilden die Wertentwicklung eines Index in der Regel auf täglicher Basis ab. Finanzdeutsch:

Die Position wird täglich glattgestellt.

Die Auswirkungen sind enorm. In unserem 10-Prozent-Beispiel steht der Leveraged ETF nach dem ersten Tag je Szenario bei

  • a) 120 (+10 Prozent an Tag 1)

oder

  • b) 80 (-10 Prozent an Tag 1)

wenn wir von einem Ausgangswert von 100 ausgehen. Für unser Beispiel fällt am zweiten Tag (Szenario A, -9,09 Prozent) beziehungsweise steigt (Szenario B, +11,11 Prozent) der Index wieder auf 100. Heißt das, dass auch der Leveraged ETF in beiden Fällen wieder bei 100 steht?

Intuitiv könnte man die Frage bejahen, aber die Mathematik zeigt ein anderes Bild. Der Leveraged ETF steht nach Tag 2 bei

  • a) 98,18 (-18,18 Prozent an Tag 2)
  • b) 97,78 (+22,22 Prozent an Tag 2)

Unter dem Strich steht in beiden Fällen ein Minus. Der Leveraged ETF schafft eine Art negativen Zinseszinseffekt. Entwickelt sich der Index mehrere Tage in Folge positiv, ist der Effekt ebenfalls zu beobachten – nur in die andere Richtung.

Beispiel: Hebel von 2

  • Ausgangswert: 100
  • Wertentwicklung Index: 2 Tage in Folge 10 Prozent plus
  • Stand Index nach 2 Tagen: 121
  • Stand Leveraged ETF nach 2 Tagen: 144

Der Leveraged ETF hat sich nach 2 Tagen um den Faktor 2,095 besser entwickelt als der Index. Bei durchgehend positiven Entwicklungen wandelt sich der „negative Zinseszinseffekt“ in einen positiven um. Finanzmärkte sind aber volatil und bewegen sich mal in die eine und dann in die andere Richtung. Eine durchgängig positive Wertentwicklung ist in der Praxis nicht gegeben. Es gilt:

Je größer die Volatilität, desto größer ist der „negative Zinseszinseffekt“.

Man spricht von der Pfadabhängigkeit. Je nachdem, welchen Pfad der Index einschlägt, kann die Wertentwicklung des Leveraged ETFs ganz unterschiedlich ausfallen. Short ETFs, mit denen auf fallende Kurse gewettet werden kann, unterliegen ebenfalls der Pfadabhängigkeit.

 

Ein Blick in die Praxis

Ich habe den ComStage EURO STOXX 50 Daily Leveraged UCITS ETF mit dem ComStage EURO STOXX 50 NR UCITS ETF verglichen (Stand: Mai 2016). Das „Daily“ in der Bezeichnung zeigt die tägliche Glattstellung an.

In den vergangenen 5 Jahren hat der Leveraged ETF 8,41 Prozent zugelegt, bei einer Volatilität von 44,64 Prozent. Der „Normalo-ETF“ hat es in den letzten 5 Jahren auf 20,39 Prozent Plus geschafft, bei einer Volatilität von 22,51 Prozent.

Der Leveraged ETF verspricht damit langfristig weniger Rendite bei einem höheren Risiko als sein „langweiliger Bruder“ – und das bei 0,28 Prozent höheren Kosten pro Jahr. Kein gutes Geschäft.

 

Für wen sind Leveraged ETFs geeignet?

Leveraged (und Short) ETFs wurden nicht für Privatanleger konstruiert, die eine langfristige Buy-and-Hold-Strategie verfolgen. Was einige Banken nicht davon abgehalten hat, Leveraged ETFs wie geschnitten Brot an eben jene Privatanleger zu verkaufen: Strafen für den Verkauf von Leveraged ETFs an Privatanleger

Zielgruppen für gehebelte ETFs sind Day Trader und institutionelle Investoren. Sie nutzen Leveraged ETFs, um aus kurzfristigen Markterwartungen Kapital zu schlagen und/oder ihre Portfolios abzusichern (Short ETFs).

Der Vorteil besteht darin, dass Anleger kein extra Fremdkapital aufnehmen müssen, um eine Hebelwirkung zu erzielen. Das übernimmt die Fondsgesellschaft für sie. Zudem können Anleger auf noch kompliziertere Finanzinstrumente, wie etwa Futures, Optionen und Zertifikate, verzichten.

Halten wir fest:

Leveraged ETFs sind für Day Trader und institutionelle Investoren entwickelt worden. Fällst du nicht in eine der beiden Kategorien, solltest du die Finger von ihnen lassen.

 

Es ist noch Aufklärungsarbeit nötig

In Ihrer Analyse Investitionsverhalten bei Short- und Leveraged-ETFs von 2012 kommen Dr. Christian Funke, Dr. Timo Gebken und Prof. Dr. Lutz Johanning zu dem Schluss, dass Privatanleger sich der Risiken von Leveraged ETFs bewusst sind. Laut ihrer Studie halten Privatanleger Leveraged ETFs über einen Zeitraum von durchschnittlich 62,3 Tagen. „Normale“ ETFs besitzen sie 138,7 Tage.

Dieser Einschätzung kann man nur entschieden entgegentreten. Gordon Rose merkt in Morningstars ETF-Kolumne dazu an:

„Wenn jetzt eine Studie herausfindet, dass die durchschnittliche Haltedauer eines zweifach gehebelten ETFs bei 62,3 Tagen liegt und schlussfolgert, dass sich Privatinvestoren über die Risiken dieser Produkte bewusst sind und diese richtig einschätzen, dann wundert mich das schon sehr. […]

Also nochmal zum Mitschreiben: „Hebel- und Short-ETFs sind erstens für den Ottonormal-Investor nicht geeignet und zweitens nicht für Haltedauern von mehr als einem Tag konstruiert.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Leveraged ETFs zeigen, wie wichtig es ist, die Produkte zu verstehen, in die man investiert.

 

Fazit: Leveraged ETFs sind nichts für Privatanleger

Finanzprodukte sind weder gut noch schlecht. Sie werden für einen bestimmten Zweck konstruiert. Gefährlich wird es erst, wenn sie in die falschen Hände geraten. Im Fall von Leveraged ETFs sind die falschen Hände unsere Hände. Die Hände von Privatanlegern, die langfristig Vermögen aufbauen wollen.[wysija_form id=“8″]

Dein Finanzkoch
Christoph Geiler

Bildquelle: © lassedesignen – fotolia

Portrait vom Autor dieses Artikels
Über Christoph Geiler

Als Finanzberater bin ich auf die Themen Finanzplanung, Geldanlage und Altersvorsorge spezialisiert. Als Finanzkoch bin ich konzeptionell tätig und erstelle Inhalte. In meiner Freizeit schwinge ich gern den Kochlöffel, treibe Sport und spiele mit meinem Sohn.