Gier: Wer alles haben will, verliert oft alles

Das goldene Ei

Es war einmal ein armer Bauer und seine Frau. Ihr Hof gab gerade genug her, um die Beiden zu ernähren. Doch das machte ihnen nichts. Sie liebten sich und waren das karge Leben seit ihrer Kindheit gewohnt.

Ein Winter war besonders hart. Der Wind pfiff, die Äste zitterten und es war bitterkalt. Sie litten entsetzlichen Hunger. So entschloss sich der Bauer, in der Stunde größter Not, die Henne zu schlachten.

Als er zur Tat schreiten wollte, vernahm er etwas Sonderbares. Unter der Henne schimmerte es.

>>Ein goldenes Ei!<<, rief der Bauer entzückt. Am nächsten Tag machte er sich auf in die Stadt und tauschte das goldene Ei gegen Essen und warme Felle ein.

Der Bauer kümmerte sich gut um die Henne, welche ihm jede Woche mit einem goldenen Ei bedachte. So kam es, dass er es zu einigem Wohlstand schaffte.

Doch nach einiger Zeit reichte dem Bauern und seiner Frau das Leben auf dem Land nicht mehr. Sie verkauften den Hof und zogen in die Stadt – die Henne bekam einen Ehrenplatz.

Das Leben in der Stadt war gänzlich anderer Gestalt. Jeder zeigte was er hat. So auch der Bauer und seine Frau. Kein Kleid war zu teuer – kein Wein war zu gut.

Die Beiden wurden immer gieriger. Ein goldenes Ei die Woche? Da geht doch mehr, dachte sich der Bauer und gab der Henne die doppelte Portion zu Fressen und zu Trinken. Doch die stellte sich stur und blieb dabei – ein goldenes Ei die Woche. So fasste der Bauer einen Plan und schlachtete die Henne. Warum warten, wenn er sich die Eier gleich aus dem Bauch holen konnte?

Doch als er den Leib der Henne öffnete, fand er alles so vor, wie es sich für eine Henne gehörte. Von goldenen Eiern fand er keine Spur. So schnell wie der Wohlstand gekommen war, verschwand er wieder. Niedergeschlagen kehrten sie zurück auf ihren alten Hof. Alles war wie früher – doch an das alte Leben gewöhnen konnten sie sich nicht mehr. Das Glück in ihren Herzen war verloren.

Die Geschichte ist dem Gedicht Das Huhn mit den goldenen Eiern von Jean de Lafontaine nachempfunden. Sie zeigt:

 

Gier ist ein schlechter Ratgeber.

Der Bauer und die Bäuerin sind der Gier verfallen. Ihr Blick war auf das goldene Ei fixiert. Die Henne haben sie völlig vergessen …

Bei der Geldanlage ist Gier ein Begleiter, von dem wir uns trennen müssen. Sonst treffen wir Entscheidungen, die wir später bereuen. Ein Beispiel ist die Risikoausrichtung der Geldanlage. Überschätzt du deine Risikotoleranz, verkaufst du bei einem Crash deine Investments womöglich vorzeitig. Damit tust du dir keinen Gefallen. Eine anschließende Erholung der Märkte wirst du verpassen.

Die Aussicht nach hohen Renditen ist verlockend – doch sie kann in die Irre führen. Der Sirenengesang zieht ahnungslose Seemänner an, um sie ins Verderben zu stürzen. Die Gier zieht ahnungslose Anleger an, um sie ins Verderben zu stürzen.

Was Orpheus seine Leier war um den Sirenengesang zu übertönen, ist bei mir ein Zitat von William Bernstein um meiner Gier Einhalt zu gebieten.

Der Sinn von Investieren bei Privatanlegern ist nicht die Rendite zu optimieren und reich zu werden. Der Sinn ist, nicht arm zu sterben.

William Bernstein (Neurologe und Finanzbuchautor)

In Lafontaines Gedicht heißt es dazu:

Wer alles haben will, verliert oft alles.

Und ich denke, er hat damit recht.

 

Auf einen weiteren Aspekt der Geschichte möchte ich noch eingehen:

Das Streben nach Reichtum ist der falsche Weg zum Glück

Anfangs waren der Bauer und die Bäuerin zufrieden. Als sie begannen, sich über äußere Dinge wie edle Kleider und teuren Wein zu definieren, begann ihr Lebensglück zu schwinden. Ihres plötzlichen Reichtums beraubt, konnten sie sich nicht mehr an den einfachen Dingen des Lebens erfreuen. Der alte Hof war ihnen nicht mehr gut genug.

Ein minimalistisches Leben liegt mir persönlich fern. Aber das Streben nach Reichtum ist der falsche Weg zum Glück. Mit Geld können wir unser Leben angenehmer gestalten. Es ermöglicht mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, oder teuren Hobbys nachzugehen. Aber irgendwann ist Schluss. Ab etwa 60.000 Euro Jahreseinkommen stagniert die Glückszunahme (das wollen zumindest amerikanische Glücksforscher herausgefunden haben).

Die Million muss es also nicht sein. Eine solide finanzielle Basis reicht aus. Womit sich der Kreis schließt und wir wieder bei William Bernstein sind:

Der Sinn von Investieren bei Privatanlegern ist nicht die Rendite zu optimieren und reich zu werden. Der Sinn ist, nicht arm zu sterben.

Geld ist nur Mittel zum Zweck. Im Vordergrund sollten immer unsere Beziehungen zu anderen Menschen stehen.

 

Wie gehst du mit Gier um? Was denkst du, gibt es eine finanzielle Glücksgrenze?[wysija_form id=“8″]

Dein Finanzkoch
Christoph Geiler

Bildquelle: © psdesign1 – fotolia

Portrait vom Autor dieses Artikels
Über Christoph Geiler

Als Finanzberater bin ich auf die Themen Finanzplanung, Geldanlage und Altersvorsorge spezialisiert. Als Finanzkoch bin ich konzeptionell tätig und erstelle Inhalte. In meiner Freizeit schwinge ich gern den Kochlöffel, treibe Sport und spiele mit meinem Sohn.