Geldanlage: Entscheidungen unter Ungewissheit und nicht unter Risiko

Entscheidungen unter Ungewissheit und nicht unter Risiko



Fast alle Lebensentscheidungen sind Entscheidungen unter Ungewissheit

Vielleicht kennst du das?

  • Du weißt nicht, ob du mit deinem Partner ein Kind bekommen sollst. Wer weiß schon, ob die Beziehung hält?
  • Du traust dich nicht, deine Geburtsstadt zu verlassen. Wer weiß schon, wie es dir woanders ergeht? (so geht es mir)
  • Bei deiner Geldanlage versuchst du akribisch die Kontrolle zu behalten. Wer weiß schon, wie sich dein Vermögen ansonsten entwickelt?
  • Du versicherst dich gegen jedes noch so kleine Risiko. Wer weiß schon, welches Unglück an der nächsten Ecke lauert?

Diese Überlegungen entstehen aus dem Wunsch, die Kontrolle zu behalten. Du möchtest Gewissheit haben. Gewissheit, dass morgen alles Ok ist. Das Blöde dabei:

Gewissheit ist rar gesät.

Fast alle Lebensentscheidungen treffen wir unter Ungewissheit, was nicht weiter schlimm ist. Schlimm wird es erst, wenn wir aus Angst vor dem Ungewissen, keine oder schlechte Entscheidungen treffen.

 

Geldanlage: Entscheidungen unter Ungewissheit und nicht unter Risiko

Bei Anlageentscheidungen spielt die Vergangenheit eine große Rolle. Dabei wird praktisch immer versucht, von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen. Risikokennzahlen beziehen sich beispielsweise auf historische Wertentwicklungen.

Was dabei oft vergessen wird:

Anlageentscheidungen sind Entscheidungen unter Ungewissheit und nicht unter Risiko.

Der Grund ist denkbar einfach … die Geschehnisse der Welt sind nicht vorhersehbar. Sollten wir beginnen, den Weltraum zu besiedeln und nutzbar zu machen, sehen wir in diesem Jahrhundert vielleicht Aktienrenditen von 20 Prozent pro Jahr. Wenn hingegen unsere Staatsoberhäupter durchdrehen und die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte zunichtemachen, werden uns die durchschnittlichen Renditen der letzten Jahrzehnte utopisch vorkommen.

Und das sind nur zwei mögliche Szenarien. Wie unsere Zukunft aussieht, weiß kein Mensch (wäre auch irgendwie langweilig …). Die Zukunft ist ungewiss. Ebenso ungewiss ist die Entwicklung der Kapitalmärkte, welche die wirtschaftliche Entwicklung unserer Welt widerspiegeln.

Um zuverlässige Risikomaße für die Kapitalmärkte erstellen zu können, müssten folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

  • „Geringer Grad an Ungewissheit: Die Welt ist stabil und vorhersagbar.“
  • Wenig Alternativen: Es müssen nicht zu viele Risikofaktoren abgeschätzt werden.“
  • Es steht eine große Datenmenge für diese Schätzungen zur Verfügung.“1

Mir würde nicht im Traum einfallen, Kapitalmärkte als stabil und vorhersagbar zu charakterisieren. Die Anzahl der Risikofaktoren ist kaum abzuschätzen und ob die vorhandenen Datenmengen ausreichen, um statistisch signifikante Aussagen zu treffen, ist umstritten. Was die Feststellung:

Anlageentscheidung treffen wir unter Ungewissheit

unterstreicht.

Das bedeutet:

Wenn du dich blind auf Risikokennzahlen wie Volatilität, Value at Risk und Co. verlässt, wirst du leicht in die Irre geführt …


Die Ursache von Enttäuschung sind falsche Erwartungen

  • Auf 10 Jahre gesehen hat man noch immer Gewinn am Aktienmarkt gemacht
  • Investierst du langfristig, sind dir 9 Prozent Rendite pro Jahr sicher …

Kennst du solche Sprüche? Sie können für gewaltige Frustration sorgen. Und zwar dann, wenn sie sich für die Zukunft als unzutreffend herausstellen. Das ist, als ob du dich auf eine aufgeräumte Wohnung freust und beim Heimkommen feststellst, dass das Chaos regiert.

Enttäuschte Erwartungen sind die Frustrationsquelle Nummer 1 und Frustration führt bei der Geldanlage zu schlechten Entscheidungen. Durch die Akzeptanz, dass du beim Betreten der Kapitalmärkte die Kontrolle abgibst, beugst du einer enttäuschenden Anlageerfahrung vor (und damit schlechten Entscheidungen).

Entscheidend ist die Erkenntnis, dass richtige Entscheidungen negative Folgen haben können. Wenn die Aktienkurse fallen, kannst du nichts dafür. Ebenso wenig ist es dein Verdienst, wenn die Kurse steigen.


Aus der Geschichte lernen

Trotz alledem können wir aus dem Studium der Vergangenheit wertvolle Erkenntnisse gewinnen. Wir erkennen grundlegende Sachen, wie:

  • Rendite kommt von Risiko
  • Diversifikation erhöht die Stabilität eines Portfolios
  • Aktien bieten eine höhere Risikoprämie als Anleihen
  • Je höher die Aktienquote, desto höher sind die Schwankungen eines Portfolio
  • Niedrige Kosten haben einen positiven Einfluss auf den Anlageerfolg
  • Die Suche nach unterbewerteten Wertpapieren ist den Aufwand nicht wert

Allein wenn du diese Punkte in dein Portfolio einfließen lässt, bist du besser aufgestellt als die meisten Anleger. Vermeiden solltest du schlicht, die Renditen aus der Vergangenheit als gottgegeben auf die Zukunft zu projizieren.


Resümee

Ungewissheit und Risiko sind zwei verschiedene Paar Schuhe, bei denen akute Verwechslungsgefahr besteht. Das wird bei der Geldanlage immer dann gefährlich, wenn wir die Vergangenheit zu blauäugig in die Zukunft projizieren. Denn:

Bei der Geldanlage begegnet uns die Ungewissheit und Ungewissheit ist im Gegensatz zu Risiko nicht messbar.

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Dein Finanzkoch
Christoph Geiler

*1 Gerd Gigerenzer, Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft, 2. Auflage, S.292

Portrait vom Autor dieses Artikels
Über Christoph Geiler

Als Finanzberater bin ich auf die Themen Finanzplanung, Geldanlage und Altersvorsorge spezialisiert. Als Finanzkoch bin ich konzeptionell tätig und erstelle Inhalte. In meiner Freizeit schwinge ich gern den Kochlöffel, treibe Sport und spiele mit meinem Sohn.