Wertpapierleihe verstehen, um das Risiko für meinen ETF einschätzen zu können

Es heißt: „Man fürchtet, was man nicht versteht“. Dieses Zitat von Ernst Freiherr von Feuchtersleben ist ebenso alt wie wahr. Die Furcht vor dem Fremden lässt sich in vielen Bereichen unseres Lebens beobachten. Ganz aktuell in der Flüchtlingskrise und den Diskussionen über den Islam.

Dabei ist Angst und Ablehnung die falsche Antwort auf Unbekanntes. Vielmehr sollten wir versuchen, zu verstehen. Wenn wir verstanden haben, stellt sich unsere Angst vielleicht als unbegründet heraus.

Wertpapierleihe ETF - Risiken verstehen, kontrollieren und akzeptieren

Ebenso verhält es sich mit den Finanzmärkten – zumindest mit einigen Teilen von ihnen. Fast reflexartig reagieren viele Menschen auf sie mit Argwohn. Dabei haben sie sich nie mit ihnen auseinandergesetzt …

Mit dem heutigen Beitrag möchte ich etwas Licht in das Thema Wertpapierleihe bringen. Da die Wertpapierleihe regelmäßig im großen Stil von ETFs genutzt wird, ist es essentiell, Funktion und Risiken zu verstehen.

Wertpapierleihe verstehen, um das Risiko für meinen ETF einschätzen zu können

Wertpapierleihe – Was ist das?

Aus rechtlicher Sicht handelt es sich bei der Wertpapierleihe um einen Sachdarlehensvertrag. Dabei überlässt der Wertpapierbesitzer (Verleiher) dem Darlehensnehmer (Entleiher) ein Wertpapier für einen vertraglich festgelegten Zeitraum. Der Entleiher wird zum Eigentümer des Wertpapiers.
Am Ende des Geschäfts ist der Entleiher verpflichtet Wertpapiere von gleicher Art und Güte zurückzugeben. Es muss also nicht das selbe Wertpapier sein, was in der Praxis allerdings keine große Rolle spielt.

Ein Beispiel:
Du hast ein Wertpapier, welches ich gerne für einige Tage besitzen möchte (aus welchem Grund auch immer). Kaufen ist mir zu teuer. Also frage ich freundlich nach der Möglichkeit eines Leihgeschäftes. Du schaust mich von oben bis unten an und kommst zu dem Schluss, dass ich als Geschäftspartner tauge. In der Folge überträgst du mir das gewünschte Wertpapier beispielsweise für 10 Tage. Nach den 10 Tagen gebe ich dir das Wertpapier samt Leihgebühr zurück. Habe ich in dieser Zeit Zinsen oder Dividenden aus dem Besitz des Wertpapieres eingestrichen, entschädige ich dich dafür.

 

Welchen Nutzen hat die Wertpapierleihe?

Der Verleiher (z.B. ein ETF) kann sich über die Wertpapierleihe seine Wertpapiere verzinsen lassen und verbessert so seine Rendite. Positiv für dich ist das immer dann, wenn dein ETF- bzw. Fonds-Anbieter diese zusätzlichen Erträge seinen Kunden gutschreibt. Das ist in der Regel der Fall. Bei BlackRock (iShares) werden an die Anleger beispielsweise 62,5 Prozent der Nettoerträge aus der Wertpapierleihe weitergereicht. Den Rest behält iShares ein. Bei db X-trackers bekommt der Anleger 70 Prozent der Bruttoerlöse gutgeschrieben.

Der Entleiher wird zum Eigentümer der Wertpapiere. Er kann frei über sie verfügen und sie zum Beispiel für Leerverkäufe nutzen. Das ist wichtig, da bei einem normalen Leerverkauf auf dem deutschen Markt sich der Händler verpflichtet, die Wertpapiere innerhalb von 2 Tagen zu liefern. Möchte er seine Position länger aufrechterhalten ohne die Wertpapiere tatsächlich zu kaufen, muss er auf das Mittel der Wertpapierleihe zurückgreifen.

Wertpapierleihe im ETF: Die Entscheidung zur Wertpapierleihe obliegt dem ETF-Fondsmanagement; Die Leiherträge werden dem ETF gutgeschrieben, was zu einer niedrigeren Total Expense Ratio führt; Leihobjekte sind zum Beispiel Aktien



Die Aktien meines braven ETFs werden leer verkauft????

Klären wir erst einmal was das ist.

Leerverkäufe nutzen professionelle Händler um auf fallende Kurse zu setzen. Es handelt sich also um eine klassische Shortstrategie. Das simple Prinzip dahinter: Billig kaufen – teuer verkaufen. In diesem Fall nur umgekehrt: Teuer verkaufen – billig kaufen (und dann an den Verleiher zurückgeben).

Ein Beispiel
Ich glaube, dass sich in den nächsten 10 Tagen der gesunde Menschenverstand bei asiatischen Heilern durchsetzt und die Preise für Nashorn-Hörner einbrechen. Das hätte auf die Aktien afrikanischer Nashornfarmen katastrophale Auswirkungen. Von diesem Kursverfall möchte ich profitieren.

Mein Mittel der Wahl: ein gedeckter Leerverkauf

Vor dem Leerverkauf muss ich mir die Aktie also leihen. Dafür spreche ich beispielsweise einen ETF-Anbieter an, welcher die Aktie gerade in seinem Bestand hat. Sobald die Wertpapierleihe unter Dach und Fach ist, kann ich die Aktie verkaufen. In unserem Beispiel für 10 Euro das Stück.

Jetzt gibt es drei Szenarien:

  1. Der Preis bleibt gleich
  2. Die Aktie fällt wie erwartet
  3. Die Aktie steigt

Im ersten Fall kaufe ich die Aktie nach 10 Tagen für 10 Euro zurück. Bei Rückgabe an den ETF habe ich weder Kursverluste noch Kursgewinne realisiert. Einen Verlust habe ich durch die Leihgebühr trotzdem.

Im zweiten Fall haben die Nashörner und ich Glück gehabt. Die Nashörner dürfen in Frieden leben und ich streiche einen hübschen Gewinn ein. Wenn ich beispielsweise 100.000 Aktien für 10 Euro verkauft habe und nun für 1 Euro zurückkaufe, habe ich augenscheinlich 900.000 Euro Gewinn eingestrichen. Davon muss ich noch die Kosten für die Leihe von beispielsweise 1.000 Euro abziehen. Effektiv habe ich also aus 1.000 Euro Einsatz 899.000 Euro Gewinn herausgeholt. Ein tolles Ergebnis.

Im dritten Fall beißen nicht nur die Nashörner in das Gras, sondern auch ich. Die Aktie ist von 10 Euro auf 15 Euro gestiegen. Bei 100.000 Stück kommt dies einem Verlust von 500.000 Euro gleich. Da ich ursprünglich nur 1.000 Euro für die Wertpapierleihe gezahlt habe, habe ich einen Verlust von 50.000 Prozent realisiert.

Bleibt für den ETF (Verleiher und ursprünglicher Besitzer der Aktie) zu hoffen, dass ich genug Vermögen auf der hohen Kante habe, um den Verlust auszugleichen …

 

Dem Ausfallrisiko der Wertpapierleihe begegnen

Wertpapierleihen nutzen Leerverkäufer um auf fallende Kurse zu wetten. Wie wir in unserem Beispiel gesehen haben, entstehen enorme Hebel. Geht die Wette schief, besteht das Risiko, dass der Verleiher (beispielsweise ein ETF) seine Wertpapiere nicht zurückbekommt. Dieses Risiko versuchen die ETF-Anbieter auszuschalten, indem sie für die Verleihung von Wertpapieren Sicherheiten verlangen. Solche Sicherheiten werden meist in Form von Aktien oder Anleihen auf einem separaten Depot im Namen des ETFs verwahrt.

Die Gefahr besteht also darin, dass der Wert der Sicherheiten nicht ausreicht, um im Ernstfall die verliehenen Wertpapiere zu ersetzen. Deshalb muss der Wert der Sicherheiten den Wert der verliehenen Wertpapiere übersteigen.

 

Von welchen Größenordnungen sprechen wir bei der Wertpapierleihe eigentlich?

Ich habe mir für diesen Beitrag ETFs von iShares und db X-trakcers angeschaut. Mein Fazit:

Die Anbieter behandeln das Thema Wertpapierleihe sehr transparent.

Zwei Beispiele:

Für den MSCI World UCITS ETF von iShares findet sich folgendes:

  • Ertrag aus Wertpapierleihe (letzten 12 Monate): 0,03 Prozent
  • durchschnittlich verliehen: 8,46 Prozent des Fondsvermögens
  • durchschnittliche Besicherung des Kredits: 113,37 Prozent

Für den ATX UCITS ETF (DR) 1C von db X-Trackers:

  • Ertrag aus Wertpapierleihe (letzten 12 Monate): 0,1354 Prozent
  • durchschnittlich verliehen: 29,80 Prozent des Fondsvermögens
  • maximal verliehener Anteil: 50,03 Prozent
  • Wert der Sicherheiten: 108,03 Prozent

Die Informationen auf db X-trackers finde ich dabei wesentlich angenehmer und umfangreicher präsentiert als bei iShares. Gefühlt nutzt db X-trackers das Instrument der Wertpapierleihe intensiver als i Shares. Zumindest bei den Fonds, die ich näher betrachtet habe. Schau dich einfach mal auf den Seiten um und mach dir selbst ein Bild.

 

Fazit

Das Risiko der Wertpapierleihe für ETFs besteht darin, dass die hinterlegten Sicherheiten nicht ausreichen, um den Zahlungsausfall des Leih-Partners aufzufangen. Zu einem Ausfall des Leih-Partners ist es beispielsweise bei BlackRock (iShares) seit 1981 3-mal gekommen (Quelle). Jedes mal haben die Sicherheiten ausgereicht, um die Wertpapiere zu ersetzen.

Rein objektiv betrachtet, ist ein größerer finanzieller Schaden durch Wertpapierleihen gering. Zumal die Positionen auf verschiedene Leihpartner verteilt sind. Ebenso gering sind die Erträge für den einzelnen Anleger. Diese bewegen sich nach meinen Beobachtungen zwischen 0,01 und 0,25 Prozent. Den Fondsgesellschaften, welche einen Teil der Gewinne einbehalten, bietet die Wertpapierleihe in der Masse ein ertragreiches Zusatzgeschäft.

Ich hoffe der Beitrag hat dir geholfen, Chancen und Risiken der Wertpapierleihe besser einschätzen zu können. Letztlich liegt es an dir diese Chancen und Risiken zu bewerten.

Interessant ist für mich das Thema vor allem im Spannungsfeld zwischen synthetischen und physischen ETFs. Berufen sich Verfechter physischer ETFs doch oft darauf, dass man hier genau weiß, was man kauft – nämlich den zugrundeliegenden Index. Die Wertpapierleihe führt jedoch dazu, dass physische ETFs teilweise ganz andere Anlagen im Portfolio haben, als es der Index vermuten lässt.

Dein Finanzkoch
Christoph Geiler

Bildquelle: © Olivier Le Moal – fotolia

 

 

 

Portrait vom Autor dieses Artikels
Über Christoph Geiler

Als Finanzberater bin ich auf die Themen Finanzplanung, Geldanlage und Altersvorsorge spezialisiert. Als Finanzkoch bin ich konzeptionell tätig und erstelle Inhalte. In meiner Freizeit schwinge ich gern den Kochlöffel, treibe Sport und spiele mit meinem Sohn.