Unterbewertet? Sinkende Kurse bedeuten nicht, dass Aktien billig sind

Die Einschränkungen rund um das Coronavirus sowie ein starker Preisverfall am Ölmarkt haben im Februar und März 2020 weltweit Aktienkurse unter Druck gesetzt. Immer wieder wurde ich gefragt, ob das ein guter Zeitpunkt zum Nachkaufen ist.

Gesunkene Aktiennotierungen bedeuten allerdings nicht automatisch, dass du frisches Geld in den Markt schieben solltest – warum das so ist und wie du auf sinkende Kurse idealerweise reagierst, ist Gegenstand dieses Beitrags.



Unterbewertet? Sinkende Kurse bedeuten nicht, dass Aktien billig sind


Was tun bei sinkenden Aktienkursen? Die Podcast-Episode zum Artikel:

Shownotes:

Die wichtigsten Inhalte:

  • Aktienkurse lassen sich nicht zuverlässig vorhersagen
  • Sinkende Kurse sind ein guter Anlass, um die eigene Anlagestrategie zu überprüfen
  • Durch ein Rebalancing erhältst du die Risikostruktur deine Portfolios aufrecht und verbesserst das Risiko-/Rendite-Verhältnis

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Textbeitrag – Unterbewertete Aktien? Warum gesunkene Kurse nicht bedeuten, dass Aktien billig sind

Die Einschränkungen rund um das Coronavirus sowie ein starker Preisverfall am Ölmarkt haben im Februar und März 2020 weltweit Aktienkurse unter Druck gesetzt. Immer wieder wurde ich gefragt, ob das ein guter Zeitpunkt zum Nachkaufen ist.

Die Frage freut mich sehr, da sie anzeigt, dass du weit davon entfernt bist, aus Angst vor fallenden Kursen deine Anlagen aufzulösen. Allerdings bedeuten gefallene Aktiennotierungen nicht automatisch, dass du frisches Geld in den Markt schieben solltest – warum das so ist und wie du auf sinkende Kurse idealerweise reagierst, ist Gegenstand dieses Beitrags.

Star Investor Carl Icahn kauft in der Corona-Krise Hertz-Aktien und verbrennt Millionen

Ein Großinvestor, der sinkende Kurse zum Anlass für einen Nachkauf genutzt hat, ist Carl Icahn. Er ist Milliardär und erlangte bereits 1985 durch die Übernahme einer Fluggesellschaft Bekanntheit.

Kennst du den Film Wall Street von 1987? Carl Icahn diente als Vorbild für den Spekulanten des Films: Gordon Gekko.

Aber auch die jahrzehntelange Börsenerfahrung schützte ihn nicht vor seinem jüngsten Fehlinvestment. Zwischen dem 10. und 12. März 2020 kaufte Icahn 11,4 Millionen Hertz-Aktien*¹ zusätzlich zu seinem bereits bestehenden Engagement bei Hertz. Je Stück bezahlte er zwischen 7 und 8 Dollar. Zu diesem Zeitpunkt konnte er fast 40 Prozent aller Anteile des Autovermieters sein Eigen nennen.

Gut 2 Monate später beantragte Hertz für eine Vielzahl von Tochterunternehmen Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des US-Insolvenzrechts. Das Ziel des Insolvenzverfahrens ist es zwar, dass Unternehmen zu sanieren … nur den Aktienkurs interessiert das wenig. Selbst die Marke von 1 Dollar wurde zwischenzeitlich nach unten durchbrochen. Kurz nach Stellung des Insolvenzantrags zog Carl Icahn Konsequenzen und verkaufte seine komplette Beteiligung an der Hertz AG. Für seine 55,3 Millionen Aktien bekam Carl Icahn noch 72 Cent pro Anteil und realisierte einen Verlust von etwa 1,6 Milliarden Dollar. Einen Teil des Verlustes hätte er vermeiden können, wenn er auf den Nachkauf verzichtet hätte.

Warum fallende Kurse nicht automatisch bedeuten, dass Aktien unterbewertet sind

Das Beispiel zeigt, dass sinkende Kurse nicht automatisch eine günstige Einstiegsgelegenheit signalisieren. Selbst professionelle Investoren scheitern immer wieder bei dem Versuch, gute Einstiegszeitpunkte zu erwischen.

Es gute Gründe dafür, dass Kurse sinken. Manche davon treffen einzelne Unternehmen oder einzelne Branchen und andere den gesamten Aktienmarkt (Marktrisiken).

Gründe für sinkende Kurse können sein:

  • Die allgemeine Wirtschaftslage trübt sich ein –> Duch den Shutdown aufgrund des Coronavirus erleben wir gleichzeitig einen Angebots- und Nachfrageschock
  • Zollbeschränkungen
  • Ein Geschäftsmodell ist nicht mehr zeitgemäß (Beispielsweise ist Kodak dem Umstieg vom Analogfilm auf digitale Speichermedien zum Opfer gefallen)
  • Wettbewerber erobern Marktanteile
  • Produktionsausfälle durch gestörte Lieferketten
  • Steigende Finanzierungskosten
  • Managementfehler

Wenn Kurse sinken, ist das oft nachhaltig gerechtfertigt. Rückläufige Aktiennotierungen bedeuten also nicht automatisch, dass Schnäppchenjagd angesagt ist.

 

Der Kursrückgang im Zuge des Coronavirus

Die Aktienkurse sind im Zuge des Coronavirus so stark gefallen, weil unsere Welt mit dem Virus eine andere ist als ohne. Die Pandemie konfrontiert uns mit einer enormen Unsicherheit. Beispielsweise war zu Beginn noch völlig unklar, wie sich das Virus ausbreitet und mit welchen Todesraten wir rechnen müssen.

Auch darüber, wie die Volkswirtschaften nach dem verordneten Dornröschenschlaf wieder in Schwung kommen, gibt es verschiedene Meinungen. Vielleicht erreichen wir schnell alte Höhen, vielleicht aber auch nicht.

Die Ölpreise sind ebenfalls eine Wundertüte und befinden sich im Juni 2020 noch deutlich unter dem Niveau von 2019. Für US-Frackingunternehmen ist das existenzbedrohend. Wenn die Schieferölfirmen ihre Kredite nicht mehr bedienen können, fällt das auf US-Banken zurück, die mit Milliarden engagiert sind. Zudem darf nicht vergessen werden, dass Länder wie Russland und Saudi Arabien auf ein gewisses Öl-Preisniveau angewiesen sind, um sich zu finanzieren. Auf der anderen Seite bedeutet ein niedriger Ölpreis für viele Firmen und Endkunden sinkende Kosten. Überwiegen jetzt die positiven oder negativen Effekte? Oder wird sich der Ölpreis wieder völlig erholen? Ausgang ungewiss …

Rebalancing: Was du tun solltest, wenn die Kurse sinken

Wie sollten wir also auf sinkende Aktienkurse reagieren? Mein Vorschlag:

  • Akzeptieren, dass Du nichts weißt (ganz im Sinne Sokrates: Ich weiß, dass ich nicht weiß) und sinkende Kurse nicht automatisch die Chance des Jahrhunderts sein müssen. Aktienkurse lassen sich nicht zuverlässig vorhersagen
  • Sinkende Kurse zum Anlass nehmen, um zu überprüfen, ob Deine Anlagestrategie generell sinnvoll ist. Ich bevorzuge ein Weltportfolio aus Aktien, das durch risikoarme Anlagen an meine gewünschte Risikostruktur adjustiert ist
  • Wenn jetzt die Aktienkurse in den Keller purzeln, schichte ich risikoarme Anlagen solange in risikoreiche Anlagen um, bis meine ursprünglich gewünschte Risikostruktur (beispielsweise ein Portfolio aus 50 Prozent Aktien und 50 Prozent Bankguthaben) wiederhergestellt ist. Über die gewünschte Risikostruktur gehe ich aber nicht hinaus, außer ich habe während des Kursrückgangs festgestellt, dass ich doch eine höhere Risikobereitschaft habe als gedacht. In diesem Fall würde ich die Entscheidung treffen, die Risikoneigung meines Portfolios dauerhaft zu erhöhen

Durch das Rebalancing erreichst du zwei Dinge:

  • Aufrechterhaltung der Risikostruktur deines Portfolios
  • Langfristige Verbesserung der Risiko-/Rendite-Struktur deines Portfolios

 

Resümee – Auch bei sinkenden Aktienkursen solltest Du Deiner Anlagestrategie treu bleiben

Auf sinkende Aktienkurse kannst du mit einem Rebalancing reagieren. Ein Grund alle Vorsicht fahren zu lassen und dein komplettes Vermögen in die Aktienmärkte zu schieben, sind fallende Notierungen dagegen nicht.

Ein Rebalancing ist allerdings nur dann sinnvoll, wenn dein Portfolio aus Bestandteilen besteht, die durch eine Krise keinen dauerhaften Schaden nehmen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Du Anlagen nachkaufst, die sich nicht mehr erholen.

Hast du ein breit gestreutes Aktienportfolio aus vielen Unternehmen über diverse Länder und Branchen hinweg, geht das Ausfallrisiko gegen Null. Hier kannst du getrost nachkaufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass du vom nächsten Aufschwung an den Märkten profitierst, ist groß. Wenn du dagegen in nur wenige Einzelaktien oder Branchen investiert bist, ist eine nachhaltige Schädigung des Portfolios eher wahrscheinlich. In diesem Fall solltest du genau analysieren, wie wahrscheinlich eine Erholung deiner Anlagen ist und dabei hoffen, dass du zum richtigen Schluss kommst (Carl Icahn lag daneben).

Dein Finanzkoch
Christoph Geiler

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Kommentare

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1 Kommentar

  1. AktienKost.de
    Reply Juni 19, 17:44 #1 AktienKost.de

    Guter Artikel, Danke. Diversifikation ist King aus meiner Sicht. Demnach lohnt sich ein Nachkauf meist. Man muss nur genau schauen, was nachgekauft wird und warum die Aktie gefallen ist.