Front Running: Die Jagd auf Indexanleger ist eröffnet

Indexfonds (ETFs) werden immer beliebter. Im Gegensatz zu aktiven Investmentfonds glänzen sie durch niedrige Kosten. Dafür nimmt der Anleger in Kauf, dass keine aktive Aktienauswahl betrieben wird. Das scheint nicht weiter schlimm, da aktive Manager nach Kosten meist schlechter abschneiden als ihr Vergleichsmarkt. Ich selbst nutze ETFs für den Vermögensaufbau.

Wie jedes Investment haben Indexfonds Vor- und Nachteile. Ein Schwachpunkt ist, dass ihr Handeln vorhersehbar ist. Hier setzt Index Front Running an …

Front Running: Die Jagd auf Indexanleger ist eröffnet

 

Front Running

Der DAX ist die erste Börsenliga. In ihm befinden sich die dreißig größten Unternehmen (nach Marktkapitalisierung und Börsenumsatz) Deutschlands. Die Zusammensetzung des DAX ist nicht in Stein gemeißelt. Wie beim Fußball, gibt es Auf- und Absteiger. Und zwar immer dann, wenn ein Unternehmen aus dem MDAX größer wird als ein Unternehmen aus dem DAX. Der MDAX ist die zweite Börsenliga. Der Auf- oder Abstieg eines Wertes wird Tage vorher bekannt gegeben. In der heutigen Zeit ist das eine Ewigkeit.

Du stehst früh auf, gehst eine Runde mit deinem Hund und genießt ein ausgiebiges Frühstück. Nichts ahnend rufst du den Newsticker auf deinem Handy ab. Da steht es: Max Mustermann AG steigt in einer Woche in den DAX auf. Bingo, Zahltag. Du weißt, bald hagelt es Kauforders. Schließlich müssen ETFs, die den DAX nachbilden, die Max Mustermann AG bald in ihr Portfolio aufnehmen. Entspannt öffnest du deinen Laptop und deckst dich mit Aktien der Max Mustermann AG ein. Am Aufstiegstag verkaufst du zu höheren Kursen an diverse ETFs und streichst einen hübschen Gewinn ein.

Natürlich ist es auch möglich, dass die Max Mustermann AG trotz DAX-Aufstieg fällt. Die Wahrscheinlichkeit einer positiven Entwicklung ist aber deutlich höher.

Dein Gewinn ist der Verlust passiver Investoren. Sie müssen sich zu höheren Kursen eindecken. Je mehr Zulauf ETFs erhalten, desto stärker wird der Effekt. Alleine den passiven Anlegern des Standard & Poor’s 500 Index, entgehen laut der Fachzeitschrift Das Investment (Quelle) etwa 4,3 Milliarden Dollar jährlich.

Wie diese Zahl ermittelt wurde, weiß ich nicht. Sie ist mit Sicherheit mit Unsicherheit behaftet. Sicher ist, dass durch Front Running auf passive Anleger zusätzliche Kosten zukommen. Je nach Quelle, liegen diese zwischen 0,2 und 0,5 Prozent pro Jahr. Das kommt oftmals einer Verdopplung oder Verdreifachung der Gesamtkosten gleich.

Ein beliebtes Beispiel für Front Running ist die American Airlines Group. Ihr Aufstieg in den Standard & Poor’s 500 Index wurde vier Tage vorher bekannt gegeben. In dem Zeitraum stieg die Aktie um 11 Prozent.

 

Verteidigen sich Indexfonds?

Die Indexanbieter sind sich der Problematik durchaus bewusst. Sie können dem Phänomen beispielsweise durch stetiges Aufbauen einer Position entgegenwirken. Trotzdem ist an den Aufstiegstagen der Werte oftmals eine starke Zunahme an Käufen zu beobachten. Das liegt daran, dass der Tracking Error für ETFs eine große Rolle spielt. Der Tracking Error gibt an, wie weit ein ETF von seinem Index abweicht. Wenn ein ETF eine Aktienposition Zeitversetzt aufbaut, kommt es zu einer vom Index abweichenden Wertentwicklung. Vor allem wenn ein ETF schlechter abschneidet als sein Vergleichsindex, schadet das dem Image. Deshalb gehen viele Anbieter vermutlich lieber kein Risiko ein und kaufen am Aufstiegstag.

Treu der Devise:

Du willst den Index? Dann bekommst du ihn auch. Mit all seinen positiven und negativen Seiten.

iShares ist der größte Anbieter für Indexfonds. Auf meine Anfrage, ob Front Running aktiv entgegengewirkt wird, bekam ich folgende Antwort:

Guten Tag Herr Geiler,

 

Vielen Dank für Ihr Interesse an unseren Produkten.

Zur möglichst exakten Nachbildung des zugrunde liegenden Index wird angestrebt, dass das Fondsmanagement sämtliche Änderungen in der Zusammensetzung und Gewichtung des zugrunde liegenden Index nachvollzieht. Es liegt im Ermessen des Fondsmanagements, zu beurteilen, in welchem Zeitrahmen der Fonds angepasst wird und ob eine Anpassung unter Beachtung des Anlageziels angemessen ist.

Sollten demnach Kurse von Wertpapieren steigen, die in einen Index mitaufgenommen werden, würde sich das genauso auch im Index verhalten.

Sollten Sie Rückfragen hierzu haben, helfen wir Ihnen gerne weiter.

 

Mit freundlichen Grüßen
Ihr iShares-Team

Viel schlauer sind wir nicht. Das oberste Ziel ist die „möglichst exakte Nachbildung des zugrunde liegenden Index“. Die Umsetzung liegt im Ermessen des Fondsmanagements.

Wie einzelne ETFs in der Praxis handeln, bleibt Spekulation. Fakt ist, dass regelmäßig auffällige Kursentwicklungen zu beobachten sind, wenn es zu Veränderungen in einem Index kommt. Passive Anleger müssen Font Running auf dem Schirm haben.

 

Himmelschreiende Ungerechtigkeit?

Wer gerade Zeter und Mordio schreit, sollte einen Moment inne halten. Zum einen steht es passiven Anlegern (ich bin einer davon) nicht zu, die Moralkeule auszupacken und zum anderen ist Front Running nützlich.

Moral

Auf der ganzen Welt beschäftigen sich Menschen damit, Unternehmen zu analysieren und zu bewerten. Sie sorgen für faire Unternehmensbewertungen. In gute Firmen fließt viel Geld, in schlechte wenig. Wenn du, wie ich, passiv investierst, nutzt du das aus. Du springst auf den fahrenden Zug auf und kommst ebenso an das Ziel, wie ein aktiver Anleger. Du musst schlicht nichts dafür zahlen. Moralisch wertvoller als Front Running? Eher nicht …

Nutzen

An Aufstiegstagen wird die Aufstiegsaktie immens nachgefragt. Ohne Front Running läge ein Großteil der Aktien in den Händen von langfristigen Anlegern, welche kein Interesse haben, zu verkaufen. Eine große Nachfrage trifft auf ein geringes Angebot. Der Aktienkurs explodiert.

Front Running verhindert einen illiquiden Markt. Die Manager der ETFs können an Tag X den Front Runnern Aktienpositionen abkaufen, die diese genau zu diesem Zweck aufgebaut haben. Es kommt immer noch zu einem Anstieg des Kurses, aber eine Preisexplosion wird verhindert. Beide Seiten profitieren.

 

Fazit

Front Running nutzt die Passivität von Indexfonds aus. Wenn bekannt wird, dass ein Unternehmen in einen Index aufgenommen wird, decken sich Front Runner mit Aktien des Unternehmens ein. Am Aufstiegstag verkaufen sie die Aktien mit einem Preisaufschlag an Indexfonds, die ihr Portfolio anpassen. Das kostet Indexanleger zwischen 0,2 und 0,5 Prozent jährlich.

Für Indexfonds ist der Tracking Error (Abweichung vom Index) die wichtigste Kennzahl. Solang das so ist, so lange wird Index Front Running ein Thema bleiben.

Dein Finanzkoch
Christoph Geiler

Bildquelle: © andreanita – fotolia

Portrait vom Autor dieses Artikels
Über Christoph Geiler

Als Finanzberater bin ich auf die Themen Finanzplanung, Geldanlage und Altersvorsorge spezialisiert. Als Finanzkoch bin ich konzeptionell tätig und erstelle Inhalte. In meiner Freizeit schwinge ich gern den Kochlöffel, treibe Sport und spiele mit meinem Sohn.