Geldanlage: Entscheidungen unter Ungewissheit und nicht unter Risiko

Ich liebe Extreme. Bei der Arbeit ist es mir zuweilen lieber, einen guten und einen schlechten Monat zu haben, als zwei durchschnittliche. Das hält die Spannung aufrecht.

Vielen geht es anders:

Sie suchen Sicherheit und wollen jederzeit Kontrolle über ihr Leben haben. Dabei ist Kontrolle pure Illusion. Das gilt vor allem für die Kapitalmärkte …



Geldanlage: Entscheidungen unter Ungewissheit und nicht unter Risiko


Entscheidungen unter Ungewissheit und nicht unter Risiko



Fast alle Lebensentscheidungen sind Entscheidungen unter Ungewissheit

Vielleicht kennst du das?

  • Du weißt nicht, ob du mit deinem Partner ein Kind bekommen sollst. Wer weiß schon, ob die Beziehung hält?
  • Du traust dich nicht, deine Geburtsstadt zu verlassen. Wer weiß schon, wie es dir woanders ergeht? (so geht es mir)
  • Bei deiner Geldanlage versuchst du akribisch die Kontrolle zu behalten. Wer weiß schon, wie sich dein Vermögen ansonsten entwickelt?
  • Du versicherst dich gegen jedes noch so kleine Risiko. Wer weiß schon, welches Unglück an der nächsten Ecke lauert?

Diese Überlegungen entstehen aus dem Wunsch, die Kontrolle zu behalten. Du möchtest Gewissheit haben. Gewissheit, dass morgen alles Ok ist. Das Blöde dabei:

Gewissheit ist rar gesät.

Fast alle Lebensentscheidungen treffen wir unter Ungewissheit, was nicht weiter schlimm ist. Schlimm wird es erst, wenn wir aus Angst vor dem Ungewissen, keine oder schlechte Entscheidungen treffen.

 

Geldanlage: Entscheidungen unter Ungewissheit und nicht unter Risiko

Bei Anlageentscheidungen spielt die Vergangenheit eine große Rolle. Dabei wird praktisch immer versucht, von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen. Risikokennzahlen beziehen sich beispielsweise auf historische Wertentwicklungen.

Was dabei oft vergessen wird:

Anlageentscheidungen sind Entscheidungen unter Ungewissheit und nicht unter Risiko.

Der Grund ist denkbar einfach … die Geschehnisse der Welt sind nicht vorhersehbar. Sollten wir beginnen, den Weltraum zu besiedeln und nutzbar zu machen, sehen wir in diesem Jahrhundert vielleicht Aktienrenditen von 20 Prozent pro Jahr. Wenn hingegen unsere Staatsoberhäupter durchdrehen und die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte zunichtemachen, werden uns die durchschnittlichen Renditen der letzten Jahrzehnte utopisch vorkommen.

Und das sind nur zwei mögliche Szenarien. Wie unsere Zukunft aussieht, weiß kein Mensch (wäre auch irgendwie langweilig …). Die Zukunft ist ungewiss. Ebenso ungewiss ist die Entwicklung der Kapitalmärkte, welche die wirtschaftliche Entwicklung unserer Welt widerspiegeln.

Um zuverlässige Risikomaße für die Kapitalmärkte erstellen zu können, müssten folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

  • „Geringer Grad an Ungewissheit: Die Welt ist stabil und vorhersagbar.“
  • Wenig Alternativen: Es müssen nicht zu viele Risikofaktoren abgeschätzt werden.“
  • Es steht eine große Datenmenge für diese Schätzungen zur Verfügung.“1

Mir würde nicht im Traum einfallen, Kapitalmärkte als stabil und vorhersagbar zu charakterisieren. Die Anzahl der Risikofaktoren ist kaum abzuschätzen und ob die vorhandenen Datenmengen ausreichen, um statistisch signifikante Aussagen zu treffen, ist umstritten. Was die Feststellung:

Anlageentscheidung treffen wir unter Ungewissheit

unterstreicht.

Das bedeutet:

Wenn du dich blind auf Risikokennzahlen wie Volatilität, Value at Risk und Co. verlässt, wirst du leicht in die Irre geführt …


Die Ursache von Enttäuschung sind falsche Erwartungen

  • Auf 10 Jahre gesehen hat man noch immer Gewinn am Aktienmarkt gemacht
  • Investierst du langfristig, sind dir 9 Prozent Rendite pro Jahr sicher …

Kennst du solche Sprüche? Sie können für gewaltige Frustration sorgen. Und zwar dann, wenn sie sich für die Zukunft als unzutreffend herausstellen. Das ist, als ob du dich auf eine aufgeräumte Wohnung freust und beim Heimkommen feststellst, dass das Chaos regiert.

Enttäuschte Erwartungen sind die Frustrationsquelle Nummer 1 und Frustration führt bei der Geldanlage zu schlechten Entscheidungen. Durch die Akzeptanz, dass du beim Betreten der Kapitalmärkte die Kontrolle abgibst, beugst du einer enttäuschenden Anlageerfahrung vor (und damit schlechten Entscheidungen).

Entscheidend ist die Erkenntnis, dass richtige Entscheidungen negative Folgen haben können. Wenn die Aktienkurse fallen, kannst du nichts dafür. Ebenso wenig ist es dein Verdienst, wenn die Kurse steigen.


Aus der Geschichte lernen

Trotz alledem können wir aus dem Studium der Vergangenheit wertvolle Erkenntnisse gewinnen. Wir erkennen grundlegende Sachen, wie:

  • Rendite kommt von Risiko
  • Diversifikation erhöht die Stabilität eines Portfolios
  • Aktien bieten eine höhere Risikoprämie als Anleihen
  • Je höher die Aktienquote, desto höher sind die Schwankungen eines Portfolio
  • Niedrige Kosten haben einen positiven Einfluss auf den Anlageerfolg
  • Die Suche nach unterbewerteten Wertpapieren ist den Aufwand nicht wert

Allein wenn du diese Punkte in dein Portfolio einfließen lässt, bist du besser aufgestellt als die meisten Anleger. Vermeiden solltest du schlicht, die Renditen aus der Vergangenheit als gottgegeben auf die Zukunft zu projizieren.


Resümee

Ungewissheit und Risiko sind zwei verschiedene Paar Schuhe, bei denen akute Verwechslungsgefahr besteht. Das wird bei der Geldanlage immer dann gefährlich, wenn wir die Vergangenheit zu blauäugig in die Zukunft projizieren. Denn:

Bei der Geldanlage begegnet uns die Ungewissheit und Ungewissheit ist im Gegensatz zu Risiko nicht messbar.

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Dein Finanzkoch
Christoph Geiler

*1 Gerd Gigerenzer, Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft, 2. Auflage, S.292

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Kommentare

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8 Kommentare

  1. Ted & Toro
    Reply September 19, 12:48 #1 Ted & Toro

    Hallo Christoph,

    ich bin ein risikoaffiner Spinner: Vor einiger Zeit wurde (freiwillig und ohne Burn-Out) die Lebenszeitverbeamtung „gekündigt“ (man stellt hier einen „Antrag auf Entlassung“;)), allerdings gleichzeitig weiterhin fleißig in Aktien investiert.

    Leider weiß ich mittlerweile, dass man mit historischen Daten nicht meine (Lebens-)Rendite berechnen kann, was möglicherweise der Erfahrung geschuldet ist und meine erste Aussage des risikoaffinen Spinners zusätzlich unterstreicht (Mist!) 🙂

    Du kritisierst folgende Aussage: „Auf 10 Jahre gesehen hat man noch immer Gewinn am Aktienmarkt gemacht“. Das stimmt doch! (Man muss nur den richtigen Einstiegszeitpunkt (rückwirkend) auswählen ;))

    Zusammengefasst und einem Vorredner zustimmend: Du bringst den Lesern mehr Rationalität – mit dem Bewusstsein über das Ungewisse, um Enttäuschungen und falsche Erwartungen von vornherein reduzieren zu können. Daumen hoch!

    (Davon ab: Haben ältere Menschen ein allgemein größeres Risikobewusstsein? Klar, beim Skifahren, Klettern oder im Phantasialand würde ich da zustimmen, aber bei der Aktienanlage? :))

    • Finanzkoch
      Reply September 23, 10:28 Finanzkoch Author

      Hallo Ted,

      „Auf 10 Jahre gesehen hat man noch immer Gewinn am Aktienmarkt gemacht“ Klar stimmt das. Das Problem ist, dass das keine Garantie für die Zukunft ist 🙂

      Liebe Grüße aus Leipzig
      Christoph

  2. EssayHilfe
    Reply August 11, 11:31 #2 EssayHilfe

    Hallo Christoph,
    eigentlich geht es nicht immer um die Ungewissheit, wenn wir über Geldanlage sprechen. Doch gibt es einem großen Unterschied zwischen das Risiko in innenpolitische Themen und das Geld.
    Aus der Geschichte lernen – na ja, es ist sehr gut. Trotzdem ist es gut für junge Menschen, die um Kinder nicht kümmern muss. Je alter man ist, desto negativer nimmt man das Risiko an.
    LG, Martin Beike

    • Finanzkoch
      Reply August 12, 23:04 Finanzkoch Author

      Hallo Martin,
      ich sehe es mal so und mal so. Es gibt auch ältere Menschen, die Risiken eingehen – und wenn sie Risiken eingehen, dann machen sie es meist wesentlich bewusster als junge Anleger.

      Liebe Grüße aus Leipzig
      Christoph

  3. Alexander Schmitt
    Reply August 09, 11:22 #3 Alexander Schmitt

    Hallo Christoph,

    ich denke, Du triffst den richtigen Punkt, aber Deine Definition wird mir nicht vollständig klar. Nach meinem Verständnis ist Risiko kalkulierbar und Ungewissheit nicht.

    https://reichplanung.wordpress.com/2017/06/01/unterscheidung-zwischen-risiko-und-ungewissheit/

    Dann wäre aber nach meinem Verständnis Dein Punkt 4, „Du versicherst dich gegen jedes noch so kleine Risiko. Wer weiß schon, welches Unglück an der nächsten Ecke lauert?“, relativ gut kalkulierbar. Zum einen basiert sogar das Geschäftsmodell der Versicherungen darauf und zum anderen brauchst Du Dir noch nicht einmal Gedanken zu machen. Du zahlst einen Beitrag und musst Dich nicht mehr damit beschäftigen!?

    Und wie sieht es mit Punkt 3 aus, „Bei deiner Geldanlage versuchst du akribisch die Kontrolle zu behalten. Wer weiß schon, wie sich dein Vermögen ansonsten entwickelt?“, bei welchen Aktionen? Gibst Du das Geld einer Vermögensverwaltung mit voller Freiheit, ungewiss. Investierst Du in Staatsanleihen oder legst Du es einfach auf ein Konto (Forderung gegen eine Bank), Risiko, zwar nicht exakt berechenbar, aber gut abschätzbar. Das ein Risiko schlagend wird, kann immer passieren.

    Spannend ist auch der Satz „Entscheidend ist die Erkenntnis, dass richtige Entscheidungen negative Folgen haben können.“, aber wie ist dann richtig definiert? Im Nachhinein ist die Entscheidung vielleicht falsch gewesen, selbst wenn Du sie wieder so treffen würdest. Hier sehe ich den Punkt: Wie werden Entscheidungen getroffen? Rational oder emotional? Welchen Aufwand, welche Zeit oder Mühe hast Du in die Entscheidung gesteckt und wie sicher warst Du Dir?
    Meine Vermutung ist, dass viel zu wenige Entscheidung wirklich rational getroffen werden und vielmehr in vielen Punkten Herdenverhalten ist, Gier und Angst und was auch immer.

    Das ist auch der Punkt, den ich aus Deinem Beitrag mitnehmen: Mit Deinem „Studium der Vergangenheit“ bringst Du mich/die Leser auf den rationalen Weg, damit bessere Ergebnisse folgen.

    Grüße, Alex

    • Finanzkoch
      Reply August 10, 09:26 Finanzkoch Author

      Hallo Alex,

      da hast du völlig Recht: Das Beispiel mit den Versicherungen verkörpert Risiko, welches das Kerngeschäft der Versicherer ist. Bei der Geldanlage hingegen spielt die Ungewissheit eine tragende Rolle, genau wie du es in deinem Artikel herausgearbeitet hast.

      „Investierst Du in Staatsanleihen oder legst Du es einfach auf ein Konto (Forderung gegen eine Bank), Risiko, zwar nicht exakt berechenbar, aber gut abschätzbar.“ –> die Ausfallwahrscheinlichkeiten können nicht genau bestimmt werden (versucht wird es trotzdem). Ergo sprechen wir hier aus meiner Sicht von Ungewissheit.

      „Meine Vermutung ist, dass viel zu wenige Entscheidung wirklich rational getroffen werden“ –> das glaube und sehe ich auch jeden Tag.

      Herzliche Grüße aus Leipzig
      Christoph

  4. Ex-Studentin
    Reply August 07, 09:11 #4 Ex-Studentin

    Ich bin sicherheitsbedürftig und risikofreudig zugleich. Umzug aus der Heimat, aber nur 250km weiter, damit man bei Bedarf an einem Tag hin und zurück kann. ETFs? Ja, gerne! Aber nur mit genügend Reserve auf dem Tagesgeldkonto. Höhenangst? Gibt noch mehr Adrenalin, wenn man sich im Freizeitpark irgendwo hoch schießen lässt.

    Wenn mir etwas Angst macht, sehe ich es als Herausforderung. Wenn rein statistisch nicht viel passieren kann, dann ist die Angst nur selbst gemacht. Sollte etws statistisch gefährlich sein, z.B. Downhill und Motorradfahren, dann lasse ich es.

    Liebe Grüße
    Jenny

    • Finanzkoch
      Reply August 08, 21:10 Finanzkoch Author

      Hey Jenny,

      Respekt vor so viel Rationalität. Wenn ich vor etwas Angst habe und weiß, dass diese unbegründet ist, lasse ich die Angst trotzdem gerne mal gewinnen … hoch schießen im Freizeitpark muss ich nicht unbedingt haben 😉

      Liebe Grüße aus Leipzig
      Christoph

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